Aus dem Leben eines Taugenichts

Neulich fuhren wir – das Ensemble aus Robert Carsens «Midsummer Night’s Dream» beim Festival in Aix-en-Provence – mit dem Zug rauf nach Lyon: Die sogenannte Sitzprobe stand an. Kolleginnen, die bisher ausschließlich in Jeans und Schlabberpullis herumschlurften, trugen plötzlich kurze Röcke, High Heels und schichtweise Make-up, um nachher mit dick getuschten Wimpern hinüber ins Blech und sonstwohin zu klimpern – eine uralte Tradition, das ist in jeder Sitzprobe so. Der Mann von Ehre trägt selbstverständlich weiterhin Schlabberpulli.

Zugegeben: Nach drei konsequenten Wochen in Shorts hatte ich immerhin mal wieder eine lange Hose an.

Obwohl wir alle Englisch-Muttersprachler sind, sagen wir das wirklich: sitzprobe. Es ist eines dieser deutschen Worte, für die uns nie etwas Eigenes eingefallen ist. Wie angst. Oder poltergeist.

Meine Brotgeber allerdings – momentan Franzosen – nennen diese Probe die Italienne. Fragen Sie mich bitte nicht, wieso, irgendeine Geschichte wird schon dahinterstecken. Aber ich frage mich doch: Ist das das Bild, das sich Franzosen von italienischen Probenbedingungen machen? Ehrlich? Sänger, die gemütlich herumsitzen und Zeitung lesen dürfen, bis der Dirigent ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt August 2015
Rubrik: Magazin, Seite 67
von Christopher Gillett

Weitere Beiträge
Erinnerungen eines Virtuosen

Einst ging es eher gediegen, traditionell zu bei Opera Philadelphia. Doch unter Intendant David Devan und Musikchef Corrado Rovaris hat sich die Company neu aufgestellt. Natürlich werden nach wie vor die Klassiker des Repertoires gespielt – oft in der 1856 erbauten Academy of Music. Im Rahmen des 2011 ins Leben gerufenen «American Repertoire Program» rücken jedoch...

Nachtzug ins Schattenreich

Über eine längere Weile hin verdämmert das Licht, und irgendwo im Off, in den Katakomben der Träume, spielt Elisabeth Leonskaja Schumanns «Geistervariationen» von 1854. Unter diesem Namen sind sie bekannt geworden, weil eine Engelserscheinung (oder aber jene Schuberts) das Thema vorgegeben haben soll. Es passiert im Theater an der Wien, gegen Ende des letzten...

Was kommt...

Kopf frei machen!
Von Verantwortung weiß sie ein Lied zu singen – aus eigener Bühnenerfahrung und als Gesangsprofessorin. Analytisches Fingerspitzengefühl fordert Michelle Breedt im Interview. Von Sängern, Musikern und Dirgenten, von Studenten wie Lehrern.

Alle Jahre wieder ...
... warten die Sommerfestivals mit neuen Produktionen auf. Auf den Grünen Hügel zieht es...