Aus dem Leben eines Taugenichts
Neulich fuhren wir – das Ensemble aus Robert Carsens «Midsummer Night’s Dream» beim Festival in Aix-en-Provence – mit dem Zug rauf nach Lyon: Die sogenannte Sitzprobe stand an. Kolleginnen, die bisher ausschließlich in Jeans und Schlabberpullis herumschlurften, trugen plötzlich kurze Röcke, High Heels und schichtweise Make-up, um nachher mit dick getuschten Wimpern hinüber ins Blech und sonstwohin zu klimpern – eine uralte Tradition, das ist in jeder Sitzprobe so. Der Mann von Ehre trägt selbstverständlich weiterhin Schlabberpulli.
Zugegeben: Nach drei konsequenten Wochen in Shorts hatte ich immerhin mal wieder eine lange Hose an.
Obwohl wir alle Englisch-Muttersprachler sind, sagen wir das wirklich: sitzprobe. Es ist eines dieser deutschen Worte, für die uns nie etwas Eigenes eingefallen ist. Wie angst. Oder poltergeist.
Meine Brotgeber allerdings – momentan Franzosen – nennen diese Probe die Italienne. Fragen Sie mich bitte nicht, wieso, irgendeine Geschichte wird schon dahinterstecken. Aber ich frage mich doch: Ist das das Bild, das sich Franzosen von italienischen Probenbedingungen machen? Ehrlich? Sänger, die gemütlich herumsitzen und Zeitung lesen dürfen, bis der Dirigent ...
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Opernwelt August 2015
Rubrik: Magazin, Seite 67
von Christopher Gillett
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