Aufwiegler, musikbesessen
«Trau keinem über dreißig!», war die Devise der Achtundsechziger. Die aufbegehrenden Studenten wussten, welch reaktionäre Seilschaften hinter den Kulissen manch altehrwürdiger Institutionen immer noch ihr Unwesen trieben. Die Verfehlungen der Vergangenheit sollten aufgedeckt werden, ebenso deren Weiterwirken; es galt, die Fassaden der Macht zu brechen. Dass die Gegenwart immer noch von den Erneuerungen dieser Generation zehrt, wird nur zu gern verdrängt.
Generell aber scheint eine Kunst, die auch gesellschaftlich-politisch agieren will, derzeit kaum en vogue, ja für manch Jüngere nur noch ferne Historie – und der Adorno-Titel von 1954, «Das Altern der neuen Musik», fast Programm für das Ende der Auf- und Ausbrüche der Moderne.
Da wundert es kaum, dass eine ganze Phalanx großer Theaterleute nun um die siebzig ist: Claus Peymann, Peter Stein, Hansgünther Heyme, Hans Neuenfels, Patrice Chéreau, Johann Kresnik. Klaus Michael Grüber und Pina Bausch sind tot. Sie alle standen in vielfältiger Weise für eine Achtundsechziger-Ästhetik, keineswegs gleichbedeutend mit politischem Engagement, gar «Agitprop». Aber sie opponierten dem traditionell schönen Schein, suchten die Konfrontation. Vom ...
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Opernwelt Mai 2011
Rubrik: Magazin, Seite 76
von Gerhard R. Koch
Die Vermessung des Opernkontinents Jean-Baptiste Lully ist abgeschlossen: 24 Jahre nach William Christies bahnbrechender Einspielung des «Atys» liegen mit Christophe Roussets Aufnahme des «Bellérophon» nun endlich alle 13 Tragédies lyriques auf CD oder DVD vor, die der Surintendant de la musique ab 1673 für den Hof des Sonnenkönigs schuf. Dass «Bellérophon» am...
Von Stockholm sind es noch mal 500 Kilometer Luftlinie nach Norden. Umeå, die Hauptstadt der schwedischen Provinz Västerbotten, liegt zwischen dem 63. und 64. Breitengrad, auf einer Höhe etwa mit Reykjavik. Wer hier morgens mit dem Auto losfährt, ist mittags am Polarkreis. Für 2014 wurde Umeå zur Kulturhauptstadt Europas gewählt (zusammen mit Riga). Deshalb werden...
Je länger diese Aufführung dauert, desto stärker keimt ein Verdacht: Womöglich hat man sich bei Wagners «Tristan und Isolde» schon an zu viel gewöhnt. An Dirigenten, die ihr Heil im effektvollen Ertrinken und Versinken suchen und darob ihren Job als strenger Steuermann vergessen. Auch an Orchester, die willig und billig alles mit Emotion fluten, wo doch minutiöse...
