Auf der Flucht
Die Nacht der Liebe, sie ist Unter den Linden nicht Rausch, nicht Zauberspuk oder Krankheit, sondern eine Bedrohung. Ein Spiel, das Tristan nur zum Schein mitspielt. Weil es kein Entrinnen gibt aus dem Hause Marke. Weil Isolde nicht locker lässt, es wirklich ernst meint mit ihm, der am liebsten davongelaufen wäre. Zur Jagd mit der feierlaunigen Gesellschaft, die ihn eben noch wie ein Kokon umfangen hatte. Hinaus mit der Hörner Schall, fort von ihr, der Frau seines Chefs, die nicht lassen kann von der idée fixe, er sei die einzige, die wahre Liebe.
Den aus dem Vorspiel vertrauten, unerlösten, «seinen» Akkord, der Brangänes verzweifelt-schuldbeschwerte Warnungen grundiert («Des unseligen Tranks!»), womöglich hat er ihn heimlich im Nebenzimmer vernommen. Vielleicht auch die Erregung gespürt, die im Orchester schwillt, bevor er plötzlich aus der Deckung stürzt. Auf «stürmische Umarmungen» indes ist der Mann nicht vorbereitet. Geht erst mal Schampus holen, um sich Mut anzutrinken für die «hehrste, kühnste, schönste, seligste Lust». Ein flüchtiger Schwadroneur, der sich das Vokabular, den Tonfall der Ekstase überstreift wie sein Dinnerjacket. Ein aufgedrehter Charmeur, der wie ein ...
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Opernwelt April 2018
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Albrecht Thiemann
Dunkel ist’s. Rabenschwarz. Eine quadratische Öffnung lässt sich erahnen; sie nimmt Kontur an, wenn das Licht, das Franck Evin von oben hereinfallen lässt, den Blick freigibt auf die mit wenigen Strichen gezeichneten, sparsam bewegten, in einen silbernen Ton gefassten Bilder, die Regisseur Andreas Homoki erdacht hat. Zu sehen sind Damen im Reifrock mit Schirm und...
Verfügen möge sie über ihn. Deutliche Beweise der Freundschaft kündigt er der Trojanischen Prinzessin gar an. Und missversteht doch den emotionalen Ausnahmezustand Ilias: Eine Vorahnung des «La ci darem la mano» blitzt da auf. Idomeneo und Ilia, auch das wäre eine Möglichkeit. Aufreizend gedacht ist das, prickelnd, und auch so inszeniert. Mehr wünscht man sich von...
Es gibt diese Geschichten. Geschichten, die so gehaltvoll ausgezirkelt, so zeitlos verrätselt sind, dass man sie immer wieder hören möchte. Wolfram von Eschenbachs große Erzählung über den Ritter Parzifal, der in die Welt hinauszog, um sich, seine Bestimmung und wohl auch das Glück zu suchen, ist so eine Geschichte.
Doch muss man sie reduzieren, humorisieren,...
