Archaik und Wissenschaft
In Bonn stehen Oper und Schauspiel unter scharfem Sparbeschuss des SPD-Oberbürgermeisters. Mit seiner Weigerung einer Vertragsverlängerung wirkt Generalintendant Klaus Weise jedenfalls nicht wie ein Schlafwandler, sondern wie ein klar denkender Prinzipal, der sein Haus lieber nach guter Arbeit mit erhobenem Haupt verlässt, statt später die Scherben zusammenkehren zu müssen. So wirkt diese «Sonnambula» wie eine Erinnerung an die fetten Jahre unter dem Opernintendanten Jean-Claude Riber, als Geld keine Rolle spielte und die glanzvollsten Stars in der damaligen Bundeshauptstadt gastierten.
Weil aber Klaus Weise sich mehr für Aufbau und Pflege eines fähigen Hausensembles interessiert als für den internationalen Sänger- und Agentenzirkus, kann er jetzt größtenteils auf eigene, junge Kräfte zurückgreifen. Julia Novikova legt die Schlafwandlerin Amina als psychisch labile, verletzliche Kindfrau an – mit wunderbarer Piano-Intensität und schön geführten Koloraturen, denen mit ihren isolierten Spitzentönen und allzu vorsichtigen Bögen vielleicht noch die letzte Souveränität fehlt. Agiler und im dramatischen Ausdruck beherzter geht Emiliya Ivanova als Aminas Gegenspielerin Lisa an die Rampe, ...
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Opernwelt September/Oktober 2011
Rubrik: Panorama, Seite 66
von Michael Struck-Schloen
Mein lieber Schwan! Eigentlich taucht das Federvieh in Wagners «Lohengrin» erst gegen Mitte des ersten Akts auf. In Roman Hovenbitzers Inszenierung für das finnische Opernfestival in Savonlinna hat es seinen ersten Auftritt schon vor der Ouvertüre. Ein kleiner Junge hantiert an einem Wasserbecken mit einem Spielzeugschwan, und als nach längerem stummen Spiel das...
Sind in «Rinaldo» cineastische Qualitäten zu finden? Robert Carsen scheint das zu glauben. Oft denkt man an James Bond-Filme oder das Fantasy-Genre, während man seine Inszenierung in Glyndebourne verfolgt. Er liebt das Magische, die Intrigen in dieser zur Zeit des Ersten Kreuzzugs spielenden Geschichte. Für historische Aufführungspraxis, die Bühneneffekte des...
Nicht einmal Verehrer wussten davon, als Julia Varady sich von der Bühne zurückzog – mit einer völlig intakten Stimme. Ende 2003 war das. Im Jahr zuvor hatte sie «Edgar» aufgenommen und konnte als Fidelia klingen wie das junge Mädchen, das sich Puccini vorgestellt hat (siehe OW 9-10/2003). Vierzig Jahre öffentlichen Singens lagen da hinter ihr. Man hört es nicht....
