Anatomie der Melancholie
Die Menschen in Tschechows Theaterstücken, die, beobachtet man sie bei ihrem Tun, weit mehr Menschen sind als nur Figuren auf einem imaginären Schachbrett, leiden fast ausnahmslos an einer Diskrepanz. Es ist die (gänzlich undialektische) Diskrepanz zwischen dem, was sie sich wünschen und wollen, und dem, was sie daraus zu machen imstande sind.
Das Leben, wenngleich es im Grunde als schön empfunden wird, erscheint ihnen allen doch zugleich wie ein «Ungeheuer, das uns verschlungen hat» (so beschreibt es Irina, die jüngste der «Drei Schwestern»), als etwas, das in der Vergangenheit oder in der Zukunft liegt, die Gegenwart jedoch nie je wirklich streift. Werschinin, das Alter Ego Tschechows in «Drei Schwestern», bringt es auf den Punkt, wenn er sagt: «Das Glück gibt es gar nicht, es gibt nur unseren Wunsch nach Glück.» Das ist die Diskrepanz. Und ein unaufhörliches Missverständnis.
Ein Missverständnis, allerdings eines der charmanten Art, war es auch, das Péter Eötvös zur Oper brachte. Eigentlich interessierte den Schüler der Antipoden Karlheinz Stockhausen und Bernd Alois Zimmermann (die er während seines Studiums in Köln traf, um sich aber bald schon von beider Ästhetiken zu ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Mai 2024
Rubrik: In Erinnerung, Seite 70
von Jürgen Otten
arte
01.05. – 15.50 Uhr
Europakonzert 2024 aus Tsinandali - Georgien
Im Rahmen der Europakonzerte interpretieren die Berliner Philharmoniker unter musikalischer Leitung von Daniel Barenboim die Schicksals-Symphonie von Ludwig van Beethoven sowie das Violinkonzert in D-Dur von Johannes Brahms.
05.05. – 03.10 Uhr
Elīna Garanča und Juan Diego Flórez bei den Salzburger...
Die zweite und letzte Neuproduktion an der English National Opera (ENO) in dieser ansonsten aus Wiederaufnahmen bestehenden Spielzeit traf mit Lidiya Yankovskayas atmosphärisch dichtem Dirigat und Joe Hill-Gibbins’ spannender Lesart von Bartóks Einakter «Herzog Blaubarts Burg» trotz krankheitsbedingter Probleme ins Schwarze. Allison Cook, die eigentlich Judit...
Die Hoffnung stirbt nie. Selbst im Angesicht des nahenden Todes nicht. Hören kann man es in Leonoras Doppel-Arie zu Beginn des siebten Bildes von Verdis «Il trovatore». Schwebt das Unheil im schwermütigen f-moll-Adagio «D’amor sull’ali rosee» (Auf den rosigen Flügeln der Liebe) noch wie ein Damoklesschwert über der schicksalsträchtigen Beziehung der jungen Frau zu...
