Ambivalent
Kaum ein Werk des italienischen Repertoires steht wohl derart unter kritischem Regiebeschuss wie «Aida». Lange bevor sich eine junge Generation gebärdete, als hätte sie die Verbrechen des Kolonialismus entdeckt, er -regte Verdis für Kairo geschriebene Quasi-Grand-Opéra einiges Unwohlsein, weil sie Imperialismus nicht nur thematisierte, sondern selbst kulturellen Imperialismus betrieb, und sei es im Auftrag des ägyptischen Vizekönigs Ismael Pascha, der sein Land im Eiltempo modernisieren wollte.
Wie sich kritische Impulse indes totlaufen können und nur noch lose und schlaff über das Werk legen, demonstriert Calixto Bieitos «Aida»-Inszenierung an der Staatsoper Berlin. Dass hier keine exotische Welt ausgemalt wird, versteht sich von selbst, umso mehr, als Bieito hier wie bei ihm üblich ohne bühnenbildnerische Konkretionen arbeitet. Die Handlung ist in einem (von Rebecca Ringst entworfenen) aseptisch weißen Kasten angesiedelt, der sich durch auf- und abfahrende Versenkungen und Deckenelemente situativ verkleinert oder vergrößert.
Ist man das zurzeit kaum lösbare Problem der Repräsentation einer anderen Kultur erst einmal los, verallgemeinert sich der kritische Impuls ins allgemein ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt November 2023
Rubrik: Panorama, Seite 51
von Peter Uehling
Schon 1841 hat ein Zeitgenosse, der Theatermann Carlo Ritorni, Klage darüber geführt, dass sich alle italienischen Opern wie Zwillinge gleichen: «Wenn man eine gesehen hat, kennt man alle.» Saverio Mercadantes im Jahr danach in Neapel uraufgeführtes romantisches Melodramma «Il proscritto» («Der Geächtete») macht da keine Ausnahme. In Salvadore Cammaranos Libretto,...
Schön geträumt?», fragt das Staatstheater Darmstadt im Motto der neuen Spielzeit, die Wünsche und Ängste, Zukunftsvisionen und Realitätsverlust in den Fokus rückt. Da liegt es auf der Hand, die Saison 2023/24 mit Offenbachs «Les Contes d’Hoffmann» zu eröffnen – der schwarzromantischen Traumoper par excellence. Als Einfallstor ins Reich der Fiktionen fungiert in...
Vor Beginn der «eigentlichen» neuen Bregenzer Inszenierung von Jules Massenets Goethe-Vertonung «Werther» erleben wir die Realisierung eines Theaterkniffs, der einem häufig schon halbgar vor die Flinte gekommen ist: Vor dem Vorhang wird zunächst ein Text verlesen. Regisseurin Jana Vetten aber überführt dieses Konzept auf attraktive Weise ins Interessante. Denn der...
