Tanz über dem Abgrund
Schön geträumt?», fragt das Staatstheater Darmstadt im Motto der neuen Spielzeit, die Wünsche und Ängste, Zukunftsvisionen und Realitätsverlust in den Fokus rückt. Da liegt es auf der Hand, die Saison 2023/24 mit Offenbachs «Les Contes d’Hoffmann» zu eröffnen – der schwarzromantischen Traumoper par excellence. Als Einfallstor ins Reich der Fiktionen fungiert in Dirk Schmedings Inszenierung eine geöffnete Kühlschranktür: Grüne Flaschen leuchten im Eis wie ein magischer Gral, kalte Luftschwaden dringen heraus und vernebeln dem Titelhelden die Sinne.
Die Tür wird in Robert Schweers Bühnenbild zum Entrée für abgründige Hirngespinste: Lebendige Bierflaschen mit Kronkorken-Hüten und mannshohe Flaschenöffner platzen herein; übersprudelnde Fantasien fluten die enge Kemenate, in der Hoffmann, ein heruntergekommener Sänger mit orange getönter Sonnenbrille und schwarzem Seidenhemd, haust. Doch Schmeding beschwört nicht nur das Klischee der alkohol -benebelten Künstlerexistenz. An die Wände gepinnte Fotos mit Ausschnitten schwarz umrandeter Augen, praller Lippen, aufgerissener Münder, krallender Hände, muskulöser Männerkörper und Tänzerinnen zeichnen ein unheimliches Psychogramm. Wer wohnt ...
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Opernwelt November 2023
Rubrik: Panorama, Seite 48
von Sylvia Adler
Wenige Regisseure haben Wagners Tetralogie gleich zweimal inszeniert. Götz Friedrich beispielsweise legte einen «Ring» für Covent Garden und einen weiteren für die Deutsche Oper Berlin vor. Am Royal Opera House startete nun mit dem «Rheingold» die neue Lesart von Barrie Kosky, der den «Ring» ab 2009 schon in Hannover inszenierung hatte.
Noch vor Beginn des...
Einer der besterhaltenen Theaterbauten des 18. Jahrhunderts, prachtverliebt und doch geschmackvoll, riesig für seine Zeit und zugleich intim, leuchtend in Blau und Gold und dennoch aus Holz, Zeichen höfischer Eitelkeiten wie des Bewusstseins für Vergänglichkeit – das ist das Markgräfliche Opernhaus in Bayreuth. Es war der 1748 von Markgräfin Wilhelmine eröffnete...
Das hohe Lob stammt aus berufenem Munde: «Sie gehört zum Stamm der Pioniere, der Wegbereiter. Sie ist uns vorausgegangen, hat Bäume gefällt, Felsen gesprengt und Brücken gebaut, um den Weg freizumachen für die nach ihr Kommenden.» Es war Virginia Woolf, die diese Worte wählte, um eine der wohl erstaunlichsten Komponistinnen aller Zeiten zu beschreiben – Ethel...
