Albtraum, logisch
Nach ausgiebiger Frühmasturbation muss der Major Kovaljov, hier ein Politiker mit Machtinstinkt, feststellen, dass ihm seine Nase abhandengekommen ist, die bis dahin als prächtiger Pinocchio-Zinken aus seinem Gesicht geragt hatte.
In Gogols köstlicher Nasen-Novelle, Dokument eines Surrealismus vor der Erfindung des Surrealismus, führt nun die Suche nach dem prominenten Körperteil quer durch die Petersburger Gesellschaft, die bevölkert ist von Kollegienassessoren, Kreisgeometern, Regimentsärzten, Lakaien, Backenbärten aller Arten, Bürovorstehern, Annoncenredakteuren und natürlich jeder Menge Polizei. Es geht in die Kasaner Kathedrale, wo die Nase, aufgeblasen zum Staatsrat, nichts davon wissen will, an ihren natürlichen Platz zurückzukehren, dann an die Newa und zum Newski-Prospekt; wir erfahren die erheblichen Nöte eines Mannes ohne Nase.
Er könnte einem leidtun, dieser K. In Brüssel, wo Àlex Ollés vor Jahren schon in Kopenhagen gezeigte «Nase» jetzt noch einmal läuft, hält sich das Mitleid allerdings in Grenzen. Überhaupt schauen wir in eine mitleid- und gnadenlose Welt irgendwo zwischen Gegenwart und Postapokalypse, hier sind alle gewaltig heruntergekommen, divers deformiert, ...
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Opernwelt August 2023
Rubrik: Panorama, Seite 46
von Holger Noltze
Der wichtigste Moment in der Aufführung von Bellinis «Norma» am Stanislawski-und-Nemirowitsch-Dantschenko Musiktheater ist der, als Regisseur Adolf Schapiro beispielhaft die in Moskau vorherrschende Stimmung beschreibt: Oroveso, im Kampfanzug in einem Rollstuhl sitzend, erinnert das Publikum daran, dass bald der Moment kommen wird, an dem der Widerstand gegen die...
Die Frage, was der Mensch sei (oder sein könne), ist von den Philosophen und Dichtern vieler Zeiten gestellt – und auch beantwortet worden. In den meisten Fällen fiel die Antwort eher ungünstig aus, am negativsten vielleicht bei Hölderlin, der, verkleidet als Hyperion, die Spezies fortlaufend dahinmodern sah, wie ein welkes Gewächs, welches sich selbst am Blühen zu...
Antonio Pappano hat es im Kontext zu seiner aktuellen «Turandot»-Einspielung sehr richtig beschrieben: Mögen Franco Alfanos Ergänzungen von Giacomo Puccinis unvollendeter Oper auch stilistisch nicht ideal sein – sie sollten nicht gekürzt werden. Denn das «Schmelzen der Eisprinzessin» bedarf dieser musikalischen Ausdehnung, um annähernd nachvollziehbar zu sein.
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