Zwischenruf November 2020
Am schlimmsten sind die Wutbürger. Kläffen sich die Seele aus dem Leib, sobald der Vorhang fällt, in der Hoffnung, man werde ihnen die gebührende Aufmerksamkeit schenken. Und, so betrüblich es ist: Es funktioniert. Der ganze Saal blickt sich um, wenn aus den oberen Rängen, wo die Schreidackel bevorzugt sitzen, das niederschmetternde «Buh» auf die armen Künstler, die auf der Bühne stehen, in Erwartung eines angemessenen Applauses, hierniederfährt wie ein glühendes Schwert aus dem Hause Damokles. Wobei: Man muss unterscheiden.
Denn natürlich gibt es auch diejenigen hartgesottenen Naturen (sagen wir vom Schlage eines Frank Castorf, Peter Konwitschny und Hans Neuenfels), die mit genüsslichem Augenaufschlag jeden vernichtenden Kommentar dialektisch ummünzen in eine Beifallskundgebung für ihre Arbeit – und damit die Buh-Schreihälse maliziös in die Schranken weisen.
Nicht minder anregend sind jene Abende im Theater, an denen sich sittlicher Beifall und sittenwidriger Abfall die Waage halten, die sogenannten Brabuh-Vorstellungen. Besonders geschätzt werden sie, weil sich in ihnen der Klang so hübsch reibt und weil durch diesen Klang hindurch deutlich wird, dass Diskurs doch immer noch das ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt November 2020
Rubrik: Magazin, Seite 63
von Jürgen Otten
Tolles Cover. Ungeschönt, ehrlich, direkt. Dazu erzählt es viel über diese ziemlich außergewöhnliche Frau. Der Blick ist klar, streng und doch verträumt, fast liebevoll. Um die geschlossenen Lippen spielt leise Ironie. Und beide Arme sind verschränkt, einerseits resolut, andererseits wie zum Schutz. Sie ließen sich öffnen. Und mit ihnen würde man einen Weg...
Irgendwann einmal wird man hoffentlich nicht mehr erzählen, wie eine Operninszenierung mit den herrschenden Hygieneregeln umgeht. Aber noch ist es interessant zu sehen, dass es kluge Lösungen gibt, die nichts von einem Behelf haben, die in sich sinnstiftend sind. Fällt es noch relativ leicht, die Solisten auf Abstand zueinander auf der Bühne zu halten, so bleiben...
Frau de Beer, Sie sind seit einigen Jahren eine der gefragtesten Regisseurinnen der jüngeren Generation. Zittern Sie dennoch zuweilen und stellen sich die Frage: «Wollen die mich noch?»
Ich zittere immer. Auch dann, wenn ich Anfragen für die nächsten zwölf Monate habe, aber für das Jahr danach noch gar nichts.
Ist das ein Grundgefühl auch während der Arbeit?
Nein,...
