Zwischen den Stilen
Normalerweise muss Lucia Lucas auf der Opernbühne ein Mann sein. Weil selbst eine Kunstform, die seit ihrer Entstehung genderfluid in den Rollenzuschreibungen ist, in der Vorstellungskraft derjenigen, die sie ausüben, an ihre Grenzen stoßen kann. Lucia Lucas ist Baritonin, eine Frau mit Baritonstimmlage – kurz: Heldenbaritonin. Die Partie des Wotan mag sie zum Beispiel.
Aber jetzt hat sie zum vermutlich ersten Mal die Gelegenheit, die ganze Ambivalenz ihres Menschen- und Künstlerdaseins auf die Bühne zu bringen – nicht als Egoshow, nein, im Dienst eines Stücks, das für sie komponiert wurde und an dessen Textgestalt sie mitarbeitete: Tobias Pickers «Lili Elbe» auf ein Libretto von Aryeh Lev Stollman.
Die Uraufführung ist gleichzeitig die Wiedereröffnung des renovierten Paillard-Baus des Theaters St. Gallen: ein herrliches Betonwürfelding, brutal, modern, innen gleißend. Den Bau kann man als Auftrag und Verpflichtung verstehen, ein paar Wege abseits des Mainstream-Standardprogramms zu beschreiten. Und das tun sie hier, auch wenn rein kompositorisch die Lage überschaubar ist. Tobias Picker wird nie nach Donaueschingen kommen, aber da muss ja auch nicht jeder hin, kann ihm wurscht ...
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Opernwelt Dezember 2023
Rubrik: Panorama, Seite 46
von Egbert Tholl
Der 7. Oktober 2023 hat sich schon jetzt als jenes Datum in unser Gedächtnis eingebrannt, an dem eines der schlimmsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte begangen wurde. Die islamistische Terrororganisation Hamas ermordete an diesem Tag, der zugleich der 50. Jahrestag des Jom-Kippur-Krieges war, in einem Akt kaum vorstellbarer Barbarei mehr als 1.400 Israelis,...
Wo bist du, mein gelobtes Land, /Gesucht, geahnt und nie gekannt? Ich wandle still und wenig froh, / Und immer fragt der Seufzer: wo? / Es bringt die Luft den Hauch zurück: ‹Da, wo du nicht bist, dort ist das Glück!› So heißt es, unter drängender Achtelbegleitung, in Franz Schuberts «Der Wanderer» – ein Lied, so vergeblich nach Licht drängend wie ein...
Warten, schon während des Einlasses. Zwei ältere Frauen vorn, ins Publikum blickend, zwei jüngere hinten, abgewandt auf den Prospekt einer nächtlichen Stadt schauend. «Nach Moskau, nach Moskau!», würden sie wohl rufen, wären sie Tschechows drei Schwestern und nicht nur die beiden aus Tschaikowskys «Eugen Onegin». Doch in Roland Schwabs Inszenierung am Staatstheater...
