Zwischen den Stilen
Normalerweise muss Lucia Lucas auf der Opernbühne ein Mann sein. Weil selbst eine Kunstform, die seit ihrer Entstehung genderfluid in den Rollenzuschreibungen ist, in der Vorstellungskraft derjenigen, die sie ausüben, an ihre Grenzen stoßen kann. Lucia Lucas ist Baritonin, eine Frau mit Baritonstimmlage – kurz: Heldenbaritonin. Die Partie des Wotan mag sie zum Beispiel.
Aber jetzt hat sie zum vermutlich ersten Mal die Gelegenheit, die ganze Ambivalenz ihres Menschen- und Künstlerdaseins auf die Bühne zu bringen – nicht als Egoshow, nein, im Dienst eines Stücks, das für sie komponiert wurde und an dessen Textgestalt sie mitarbeitete: Tobias Pickers «Lili Elbe» auf ein Libretto von Aryeh Lev Stollman.
Die Uraufführung ist gleichzeitig die Wiedereröffnung des renovierten Paillard-Baus des Theaters St. Gallen: ein herrliches Betonwürfelding, brutal, modern, innen gleißend. Den Bau kann man als Auftrag und Verpflichtung verstehen, ein paar Wege abseits des Mainstream-Standardprogramms zu beschreiten. Und das tun sie hier, auch wenn rein kompositorisch die Lage überschaubar ist. Tobias Picker wird nie nach Donaueschingen kommen, aber da muss ja auch nicht jeder hin, kann ihm wurscht ...
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Opernwelt Dezember 2023
Rubrik: Panorama, Seite 46
von Egbert Tholl
JUBILARE
Christopher Robson, 1953 im schottischen Städtchen Falkirk geboren, gilt als einer der Pioniere und bedeutenden Vertreter des Countertenor-Gesangs. Seit seinem Debüt an der English National Opera (ENO) in Monteverdis «L’Orfeo» interpretierte er dort in 17 Jahren zahlreiche Rollen vom Barock bis zur Moderne, unter anderem Arsamene in Händels «Ser -se»,...
Gelegentlich wurde Kurt Moll im Zusammenhang mit seinem Familiennamen nach Kalau gebeten – etwa mit der Behauptung, dass der Name «Dur» dem weitgehend heiteren Wesen des Sängers adäquater gewesen wäre. Moll nahm dies mit nachsichtigem Schmunzeln, unterstrich damit die humorvolle Grundtönung seiner Lebensdisposition. In der Tat war das Glas bei ihm meist halbvoll;...
Die Tonart verheißt wenig Gutes. h-Moll, das klingt nach Unheil, nach Verderben, sogar nach Tod. Und all dies fürchten die Hebräer, denen man zuvor die Freiheit geraubt hat. Aus den Lamellen schleichen sie nun herein, barfüßig, bangen Blickes, die Körper geduckt, die Hände gen Himmel gereckt, als breiige Masse, gekleidet in schwarze Traueranzüge, unter denen sich...
