Zwischen den Stilen

Picker: Lili Elbe am Theater St. Gallen

Opernwelt - Logo

Normalerweise muss Lucia Lucas auf der Opernbühne ein Mann sein. Weil selbst eine Kunstform, die seit ihrer Entstehung genderfluid in den Rollenzuschreibungen ist, in der Vorstellungskraft derjenigen, die sie ausüben, an ihre Grenzen stoßen kann. Lucia Lucas ist Baritonin, eine Frau mit Baritonstimmlage – kurz: Heldenbaritonin. Die Partie des Wotan mag sie zum Beispiel.

Aber jetzt hat sie zum vermutlich ersten Mal die Gelegenheit, die ganze Ambivalenz ihres Menschen- und Künstlerdaseins auf die Bühne zu bringen – nicht als Egoshow, nein, im Dienst eines Stücks, das für sie komponiert wurde und an dessen Textgestalt sie mitarbeitete: Tobias Pickers «Lili Elbe» auf ein Libretto von Aryeh Lev Stollman.

Die Uraufführung ist gleichzeitig die Wiedereröffnung des renovierten Paillard-Baus des Theaters St. Gallen: ein herrliches Betonwürfelding, brutal, modern, innen gleißend. Den Bau kann man als Auftrag und Verpflichtung verstehen, ein paar Wege abseits des Mainstream-Standardprogramms zu beschreiten. Und das tun sie hier, auch wenn rein kompositorisch die Lage überschaubar ist. Tobias Picker wird nie nach Donaueschingen kommen, aber da muss ja auch nicht jeder hin, kann ihm wurscht ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Dezember 2023
Rubrik: Panorama, Seite 46
von Egbert Tholl

Weitere Beiträge
Bewusstseinsströme

Aber darum geht es mir eben nicht, liebe Ellice!» – Mitten im Gespräch beginnt sie, die neue Oper des Komponisten Manfred Trojahn für die Deutsche Oper am Rhein. Mit einer Widerrede. Gegen eine eigene Aussage oder gegen ihre? Das bleibt links des Notenschlüssels verborgen, doch die Ich-Perspektive des Protagonisten Osbert Brydon ist gesetzt, erst in Takt 28 rückt...

Tödliche Spiele

Turandot kann einem nur leidtun. Die Menschheit hat sich selbstverschuldet an den Rand ihrer Auslöschung befördert, alle Frauen dieser Erde sind vom Bann der Unfruchtbarkeit getroffen, und überdies droht die Klimakatastrophe das noch bestehende Leben restlos zu vernichten. Wer will es da der eisumgürteten Prinzessin verdenken, dass sie, die einzige noch...

Auf der Suche nach Schönheit

Frau Mijnssen, von dem ungarisch-jüdischen Schriftsteller Imre Kertész stammt die bemerkenswerte Sentenz, nur Kunst, die Wunden weitergibt, sei etwas wert. Was denken Sie, hat Kertész recht?
Das ist ein richtig schöner Satz, großartig. Er berührt mich sehr, nicht zuletzt auch, weil Kertész damit wunderbar zum Ausdruck bringt, was ich in jeder meiner...