Zwischen den Stilen
Normalerweise muss Lucia Lucas auf der Opernbühne ein Mann sein. Weil selbst eine Kunstform, die seit ihrer Entstehung genderfluid in den Rollenzuschreibungen ist, in der Vorstellungskraft derjenigen, die sie ausüben, an ihre Grenzen stoßen kann. Lucia Lucas ist Baritonin, eine Frau mit Baritonstimmlage – kurz: Heldenbaritonin. Die Partie des Wotan mag sie zum Beispiel.
Aber jetzt hat sie zum vermutlich ersten Mal die Gelegenheit, die ganze Ambivalenz ihres Menschen- und Künstlerdaseins auf die Bühne zu bringen – nicht als Egoshow, nein, im Dienst eines Stücks, das für sie komponiert wurde und an dessen Textgestalt sie mitarbeitete: Tobias Pickers «Lili Elbe» auf ein Libretto von Aryeh Lev Stollman.
Die Uraufführung ist gleichzeitig die Wiedereröffnung des renovierten Paillard-Baus des Theaters St. Gallen: ein herrliches Betonwürfelding, brutal, modern, innen gleißend. Den Bau kann man als Auftrag und Verpflichtung verstehen, ein paar Wege abseits des Mainstream-Standardprogramms zu beschreiten. Und das tun sie hier, auch wenn rein kompositorisch die Lage überschaubar ist. Tobias Picker wird nie nach Donaueschingen kommen, aber da muss ja auch nicht jeder hin, kann ihm wurscht ...
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Opernwelt Dezember 2023
Rubrik: Panorama, Seite 46
von Egbert Tholl
Deutschland 1923. Eine Nation ist in Nöten. Ist es, mit zunehmender Dauer dieses Jahres, immer mehr. Die Inflation, die längst keine normale Preissteigerung ist, sondern Züge des Absurden trägt, zwingt das Land in die Knie, Lebensmittel werden knapp und knapper, die Ökonomen sind ratlos, die Folgen der gewaltigen Reparationszahlungen nicht mehr zu bändigen, auch...
Aber darum geht es mir eben nicht, liebe Ellice!» – Mitten im Gespräch beginnt sie, die neue Oper des Komponisten Manfred Trojahn für die Deutsche Oper am Rhein. Mit einer Widerrede. Gegen eine eigene Aussage oder gegen ihre? Das bleibt links des Notenschlüssels verborgen, doch die Ich-Perspektive des Protagonisten Osbert Brydon ist gesetzt, erst in Takt 28 rückt...
Was Wahrheit sei? Wirklichkeit? Nicht erst Friedrich Nietzsche war felsenfest davon überzeugt, dass es keine Fakten gebe, sondern nur Interpretationen. Auch andere Denker, Dichter wie Philosophen, hatten ihre Zweifel an der normativen Kraft des Realen. Realität, das war immer auch etwas, das sich ein jeder für seine eigenen Zwecke zurechtzimmerte. Was das bedeutet,...
