Früchte des Zorns
Die Tonart verheißt wenig Gutes. h-Moll, das klingt nach Unheil, nach Verderben, sogar nach Tod. Und all dies fürchten die Hebräer, denen man zuvor die Freiheit geraubt hat. Aus den Lamellen schleichen sie nun herein, barfüßig, bangen Blickes, die Körper geduckt, die Hände gen Himmel gereckt, als breiige Masse, gekleidet in schwarze Traueranzüge, unter denen sich kaum mehr verbirgt als die nackte Haut. Gekommen sind sie, um sich vor Dagons Tempel zu versammeln und ihren Gott Jehova anzurufen: «Dieu d’Israel».
Ein einsam-trauriges, im Dunkel verlöschendes Fis des Solofagotts gibt den Auftakt zu diesem späterhin wellenumwogten Klagegesang, gefolgt von einer Hörner-Terz im Pianissimo und zwei ebenso zart geflüsterten h-Moll-Akkorden. Will man wissen, wie Angst und Verzweiflung klingen, hier hört man es. Aber man spürt und sieht es auch.
Zu verdanken ist dies einem Regiekonzept, dass die Unversöhnlichkeit der Gegensätze zwischen Hebräern und Philistern betont, sie geradezu schärft. Entworfen hat es Immo Karaman, der in seiner Inszenierung von Camille Saint-Saëns’ «Samson et Dalila» am Kieler Opernhaus auch als sein eigener Bühnenbildner fungiert. Und es ist ein starkes «Bild», das er ...
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Opernwelt Dezember 2023
Rubrik: Im Fokus, Seite 6
von Jürgen Otten
ML = Musikalische Leitung I = Inszenierung B = Bühnenbild K = Kostüme C = Chor S = Solisten UA = Uraufführung
Hier finden Sie alle Termine (Premieren sowie Repertoirevorstellungen) der Opernhäuser in Deutschland, in Österreich und in der Schweiz. Von allen anderen Häusern weltweit bilden wir die Daten zu den Premieren ab.
Deutschland
Aachen
Theater Aachen
www.thea...
Warten, schon während des Einlasses. Zwei ältere Frauen vorn, ins Publikum blickend, zwei jüngere hinten, abgewandt auf den Prospekt einer nächtlichen Stadt schauend. «Nach Moskau, nach Moskau!», würden sie wohl rufen, wären sie Tschechows drei Schwestern und nicht nur die beiden aus Tschaikowskys «Eugen Onegin». Doch in Roland Schwabs Inszenierung am Staatstheater...
Es ist kurz vor eins, die Sonne bricht sich soeben durch die Wolken (aber das wissen wir erst später), da geschieht das Unumgängliche: der berühmte Kafka-Moment. Tränen auf der Leinwand, Tränen im Jeremy Hynes Theatre. Man kann weder das eine noch das andere verhindern. Aber was ist das auch für ein Film, dessen Ende so berührend, dessen Geschichte aber so grausam...
