Früchte des Zorns
Die Tonart verheißt wenig Gutes. h-Moll, das klingt nach Unheil, nach Verderben, sogar nach Tod. Und all dies fürchten die Hebräer, denen man zuvor die Freiheit geraubt hat. Aus den Lamellen schleichen sie nun herein, barfüßig, bangen Blickes, die Körper geduckt, die Hände gen Himmel gereckt, als breiige Masse, gekleidet in schwarze Traueranzüge, unter denen sich kaum mehr verbirgt als die nackte Haut. Gekommen sind sie, um sich vor Dagons Tempel zu versammeln und ihren Gott Jehova anzurufen: «Dieu d’Israel».
Ein einsam-trauriges, im Dunkel verlöschendes Fis des Solofagotts gibt den Auftakt zu diesem späterhin wellenumwogten Klagegesang, gefolgt von einer Hörner-Terz im Pianissimo und zwei ebenso zart geflüsterten h-Moll-Akkorden. Will man wissen, wie Angst und Verzweiflung klingen, hier hört man es. Aber man spürt und sieht es auch.
Zu verdanken ist dies einem Regiekonzept, dass die Unversöhnlichkeit der Gegensätze zwischen Hebräern und Philistern betont, sie geradezu schärft. Entworfen hat es Immo Karaman, der in seiner Inszenierung von Camille Saint-Saëns’ «Samson et Dalila» am Kieler Opernhaus auch als sein eigener Bühnenbildner fungiert. Und es ist ein starkes «Bild», das er ...
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Opernwelt Dezember 2023
Rubrik: Im Fokus, Seite 6
von Jürgen Otten
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