Zwei Gesichter

«Rossini in Wildbad» bringt mit Aubers «Le philtre» eine bemerkenswerte Ausgrabung heraus – doch für Glanz sorgt «La scala di seta» des Namenspatrons

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Mit Zaubertränken ist das so eine Sache: Man muss dran glauben, sonst wirken sie nicht. In Bad Wildbad wurde ein solcher gereicht, verdienst- und eigentlich reizvoll, die «Moderne Erstaufführung» von Daniel-François-Esprit Aubers «Le philtre», dem «Liebestrank».

Ist es nun Segen oder Fluch, dass man beim Hören ständig das emotional aufgeladenere, elegantere «Remake» Donizettis im Ohr hat? Dass man beim nach Einnahme des Trankes (philtre) überdreht getröteten «Tra, la, la, la, la» an einen gewissen Nemorino denkt oder den entzückenden Nonsens wiedererkennt, Dulcamaras (hier: Fontanaroses) Scharlatan-Mittelchen hätten einen über 70-Jährigen noch zum zehnfachen «Großvater» gemacht? Das Meisterwerk «L’elisir d’amore» (Donizetti kam damit nur ein Jahr nach Auber heraus) kann man in keiner Szene ganz ausblenden.

Wäre dem nicht so – würde es trotzdem banal klingen, dass von den neun Nummern im ersten Akt von «Le philtre» vier in A-Dur erklingen, eine fünfte – welch Abwechslung! – in a-moll? Dass für die Chöre fast ausschließlich ein ländlich kolorierter Sechsachteltakt zur Verfügung zu stehen scheint? Würde so deutlich auffallen, dass die großen Tableaus mit ihren endlosen Refrains zu ...

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Opernwelt September/Oktober 2021
Rubrik: Festspiele Bad Wildbad, Seite 40
von Stephan Knies

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