Sei Siegfried!

Das Diskursprojekt «Ring 20.21» zeigt mit ästhetisch unterschiedlichen, aber durchweg innovativen Ideen, wie vital die Zukunft in Bayreuth aussehen könnte

Wirklich furchterregend ist das Biest, das da, aus der Bühnentiefe des Festspielhauses geschlüpft, über einen hinwegbraust, auf mächtigen Schwingen, mit grünem Schuppenkleid und einem Maul voll gezackter Zähne, aus dem Feuerstrahlen schießen. Wie sich halt Richard Wagner seinen Drachen dachte, der schon zur Uraufführung des «Siegfried» nur unvollständig realisiert werden konnte, später vom Illusionismus des Kinos überrundet und schließlich von den Bühnenregisseuren mangels Glaubwürdigkeit ganz entsorgt wurde.

Wagner war eben auch ein Vordenker neuer technischer Welten, wie Jay Scheib, der nun den Drachen in der virtuellen Realität wiederbelebt hat. «Sei Siegfried» heißt das Werk, in dem bei den Bayreuther Festspielen dieses Jahres mittels VR-Brille an mehreren Stationen vor dem Festspielhaus jeder den Drachen töten konnte – oder ehrlicherweise: sogar musste. Denn so interaktiv ist die Sache noch nicht, dass man mit dem virtuellen, immerhin auf die eigenen Bewegungen reagierenden Schwert das Drachenherz am Ende verfehlen könnte.

2023 soll Scheib denn auch mit dem «Parsifal» in Bayreuth endlich Wagners Wunsch nach einem «unsichtbaren Theater» realisieren, der dem Ungenügen an der ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt September/Oktober 2021
Rubrik: Festspiele Bayreuth, Seite 18
von Michael Stallknecht

Weitere Beiträge
Außerordentlich inspiriert

Robert Wilson

Damals, im Sommer 1976, geschah der Musiktheater-Umsturz: Robert Wilson, 34-jähriger Texaner, präsentierte in Old Europe eine Kreation mit dem rätselhaft absurden Titel «Einstein on the Beach», die Minimal Music dazu lieferte der Amerikaner Philip Glass. Das Stück hatte von Avignon aus Furore gemacht, mit Gastspielen in einigen Theatermetropolen....

«Ich will es gar nicht anders»

Frau Davidsen, im vergangenen Jahr wurden zum ersten Mal in der Nachkriegszeit die Bayreuther Festspiele abgesagt, Ihr Sieglinden-Debüt verschob sich, die «Tannhäuser»-Reprise ebenfalls. Dieses Jahr sind Sie zurückgekehrt auf den Grünen Hügel, aber es muss eine ganz andere Erfahrung gewesen sein als 2019.
Natürlich, die Hygieneauflagen sind streng. Wir werden...

Charakterbilder

Bösewichte, die den Dolch gegen die verfolgte Unschuld schon gezückt haben, sind in der Oper nur durch die im letzten Augenblick anrückende Kavallerie zu beseitigen. Schwankenden Charakteren dagegen kann die Selbstüberwindung gelingen: Kraft der im höchsten Krisenmoment endlich gewonnenen moralischen Größe lösen sich die beinahe tödlichen Verwicklungen. Cherubinis...