Zurück zu den Müttern
Wie wäre es, all diesen Ballast der Rezeptionsgeschichte einfach mal auf einer Müllhalde des Regietheaters zu deponieren? Sich also zumal der braunen Vereinnahmung des Bayreuther Meisters zu entledigen und gewissermaßen eine «Stunde null» der szenischen Interpretation zu postulieren? Es müsste dann wohl ein Weg zurück beschritten werden: zum Mythos, zu den Archetypen, zu Urbildern der Geschlechterkonstellationen.
In den 1950er-Jahren suchte Wieland Wagner für das Werk seines Großvaters solche Pfade zum «Werk an sich», verwies auf das «Meistersinger»-Zitat «Hier gilt’s der Kunst» und bat sein Publikum, «von Gesprächen und Debatten politischer Art auf dem Festspielhügel freundlichst Abstand nehmen zu wollen». Statt einer buchstabengetreuen Umsetzung der schnell alternden Regieanweisungen des Komponisten forderte sein Enkel, «die nachschöpferische geistige Leistung (…), die den Gang zu den Müttern – also zum Ursprung des Werks – wagt.» Da wusste sich Wieland den faustischen Gedankengängen Goethes so sehr nahe wie denen Richard Wagners: Die Mütter, die Gebärenden, die Inhaberinnen unbewusster schöpferischer Kräfte mögen es richten. Für den «Tannhäuser» ließe sich folgern: ...
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Opernwelt November 2025
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Peter Krause
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Am Ende dann noch die Taube. Sie hört gar nicht mehr auf zu flattern, und für Ironiesignale ist es schon zu spät: Susanne Kennedys «Parsifal»-Inszenierung an der flämischen Oper ist längst in reinen, irgendwie spirituellen Kitsch abgebogen. Der neue Gralskönig bekommt, lächelnd, eine Himmelfahrt, sein Vorgänger darf sich endlich zum Sterben hinlegen. Die...
