Zur Kenntlichkeit verfremdet?
Angesichts des brandgefährlichen «patriotischen Frühlings», den Europas Rechtsaußen gerade feiern, denken wir an den Dichterfürsten. «Der Patriotismus», so Goethe, «verdirbt die Geschichte.» Verschließt die Augen. Verstopft die Ohren. Und Oscar Wilde formulierte, «patriotism is the virtue of the vicious», Patriotismus sei die Tugend der Bösartigen. Freilich, wenn Patriotismus, Nationalismus nicht von Populisten auf der Straße, in Wirtshäusern und Kasernenhöfen hochgekocht, sondern von Kreativen, Künstlern, Intellektuellen zugerichtet wird, mag sich dies relativieren.
Als etwa im 19. Jahrhundert einige Nationen Mitteleuropas ihre spezielle Identität innerhalb des Habsburg-Imperiums zu finden suchten, bekam die Kunst, besonders die Musik, quasi einen Sauerstoffschub.
So auch Friedrich Smetana mit seiner ersten Oper, «Branibori v Cechách» (nach dem historischen Roman von Kajetán Tyl). Komponiert 1862-1863 anlässlich eines Preisausschreibens für die erste nationale tschechische Oper, verbeugt der Komponist sich dabei ohne Zweifel vor Wagner und auch vor Verdi; die erste Szene im zweiten Akt birgt einen deutlichen Hinweis auf den fast ein Vierteljahrhundert älteren «Nabucco» und dessen ...
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Opernwelt August 2016
Rubrik: Im Focus, Seite 20
von Gerhard Persché
Ein Montag im Juni. Der Zuschauerraum der Münchner Kammerspiele liegt im Halbdunkel, in Reihe 8 sitzt David Marton, in T-Shirt, Jeans und Turnschuhen, und reibt sich die Augen. In wenigen Minuten beginnen die Endproben zu «Figaros Hochzeit», die Zeit rast, fünf Tage bleiben bis zur Premiere – und Marton kämpft gegen ein Problem, das nur die wenigsten Regisseure...
Am 1. Juli 1916 begannen französische und britische Streitkräfte im Somme-Gebiet eine Großoffensive gegen die deutsche Wehrmacht. Doch schon am selben Abend waren fast 20.000 der britischen Soldaten gefallen. Der Kampf tobte bis Mitte November, ehe er, weitgehend ergebnislos, abgebrochen wurde. Innerhalb weniger Monate kamen auf beiden Seiten der Front rund eine...
Erst, wenn sie klingt, davon war Pauline Viardot-García überzeugt, sei Musik wirklich Musik. Und auch Beatrix Borchard, die dieser Sängerin, Komponistin und Pädagogin eine umfangreiche Monografie gewidmet hat, teilt diese Überzeugung. Nun ist Klang aber flüchtig und erst seit gut hundert Jahren reproduzierbar. Auch das mag ein Grund dafür sein, dass...
