Zum Verweilen schön
Faust, ein Wrack. So drastisch-desolat Philipp Stölzl den alten Goethe-Zweifler auch hängen lässt – an den Rollstuhl gefesselt, verfangen in Tröpfen, Kanülen und Kathetern –, so konventionell verfährt er bei der Neuerarbeitung seiner Gounod-Inszenierung aus Basel (siehe OW 5/2008). Zumindest für hauptstädtische Verhältnisse. Emblematisch, also von Schlüsselbildern her konzipiert, sitzt Gretchen idyllisch auf einer Schaukel. Ein Heimchen am Hospitalsherd, wird sie von Stölzl offenbar als eine Art Krankenschwester der deutschen Seele interpretiert (und da ist ja was dran).
Der Chor ist als Masse pittoresker Hummel-Figuren maskiert: als teutonischer Porzellan-Nippes. Im dritten Akt schneit’s.
Aber Stölzl findet hier eine Besetzung vor, um derentwillen eine Neuansicht seiner Arbeit lohnt. Krassimira Stoyanova absolviert ihr reichlich verspätetes Berliner Premieren-Debüt und singt die Rolle der unschuldig-schuldigen Samariterin mit lyrisch glühendem und blutendem Herzenssopran. Ihre Juwelenarie «Ah! je ris» gehört gesanglich zum Schönsten, was an der Deutschen Oper zu hören war, seit Julia Varady dort nicht mehr singt. In der Kunst der dynamischen Feinstabstufung liefert Stoyanova ein ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt August 2015
Rubrik: Panorama, Seite 37
von Kai Luehrs-Kaiser
Schmal ist er geworden, mit zwei Krücken tastet er sich auf die Bühne. Bei der Grazer STYRIARTE etwas absagen, das kam für Nikolaus Harnoncourt bislang nicht infrage. Dieses Jahr ist es zum Start passiert. Doch bei Beethovens «Missa solemnis» hat der 85-Jährige noch viel mitzuteilen und wagt dies erstmals mit dem Concentus Musicus. Die Aufführung erschüttert, weil...
Als der 24-jährige Bohuslav Martinu 1923 nach Paris kam, um bei Albert Roussel weiter Komposition zu studieren, begann eine der faszinierendsten künstlerischen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts, ein Weg des ständigen Oszillierens zwischen nostalgisch-folkloristischen Einflüsterungen, Erinnerungen, Sehnsüchten und modernistisch-urbanen, gleichsam kosmopolitischen...
Dieser Geist durchwehte ja nicht nur Cosimas Bayreuth. Ein Eishauch, der das Werk einfrieren lässt, das doch nie nur Niederschrift ist, sondern dank sich immer weiterentwickelnde Realisierungen als Gegenwart existieren muss. Veränderungen, andere Sichtweisen – alles Teufelszeug. Wagner, Brecht, lange ließe sich die Reihe der Schöpfer und ihrer orthodoxen Gralshüter...
