Zu viele Perspektiven
Der musikalisch ungemein hellhörige Philosoph Ernst Bloch entdeckte die Anagnorisis als «Topos für einen ungeheuren Einschlag in einem dadurch ungeheuer werdenden Augenblick, in dem die Musik zeigen muss, was sie kann». Als ein grandioses Beispiel für das klassische dramatische Element in der aristotelischen Tragödie beschreibt er das Wiedererkennen der seit Kindertagen voneinander getrennten Zwillinge Sieglinde und Siegmund in Wagners «Walküre». Ihr Rencontre gipfelt in der vollendeten Form des menschlichen Erkennens – in der Erfüllung des Liebesakts.
Der Bayreuther Meister, der im «Ring» nicht zuletzt eine erotische Gesellschaft porträtiert, wusste hier Energien freizusetzen, die in genau einer Opernstunde vom Cellokantilenen-sanften, noch zaghaften präinzestuösen ersten Blick bis zur sexuellen Explosion führen. Wagners wissendes Orchester ist dabei stets mehr als einen Schritt weiter (und weiser) als die handelnden Personen. Es ahnt, es antizipiert, was unweigerlich kommen muss. Wagner nutzt die Leitmotive zur zeitlichen Disposition des Voraus- und Zurückschauens und somit auch als unsere Rezeption lenkende Gefühlswegweiser, um die Phasen des Wiedererkennens als subtile ...
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Opernwelt November 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Peter Krause
Das Gesicht ist klassisch schön, dunkel, klug, nachdenklich blickt es in einen Tischspiegel. Seit Beginn dieser Spielzeit empfängt Mary J. Blige als «Queen B.» solcherart das Publikum im Zuschauerraum der Wiener Staatsoper. Die Rhythm-and-Blues-Diva findet sich im Mittelpunkt eines fotorealistischen Tableaus der afroamerikanischen Konzeptkünstlerin Carrie Mae...
Zazà auf der Suche nach dem Glück. Als ob sie eine Betonwand mit Sonnenlicht bemalen wollte. Sie ist étoile eines Tingeltangels in Saint-Etienne, Männer umschwirr’n sie wie Motten das Licht. Doch sie fordert aufgrund ihrer unglücklichen Kindheit ein Recht auf echte Liebe ein – die, so ihr Irrglaube, hat sie bei Milio Dufresne gefunden. Aber der bourgeoise...
Göttinnen und Götter weisen den Weg. Antike Skulpturen schauen versteckt aus den lauschigen Nischen und Hecken eines veritablen Lustgartens heraus. Die Giardini di Boboli gleichen einem Gesamtkunstwerk des italienischen Gartenbaus. Oberhalb des Palazzo Pitti strecken sie sich den Hügel empor – allein das ein spettacolo, ein Paradebeispiel für jene Kultur der Augen,...
