Zu viele Perspektiven
Der musikalisch ungemein hellhörige Philosoph Ernst Bloch entdeckte die Anagnorisis als «Topos für einen ungeheuren Einschlag in einem dadurch ungeheuer werdenden Augenblick, in dem die Musik zeigen muss, was sie kann». Als ein grandioses Beispiel für das klassische dramatische Element in der aristotelischen Tragödie beschreibt er das Wiedererkennen der seit Kindertagen voneinander getrennten Zwillinge Sieglinde und Siegmund in Wagners «Walküre». Ihr Rencontre gipfelt in der vollendeten Form des menschlichen Erkennens – in der Erfüllung des Liebesakts.
Der Bayreuther Meister, der im «Ring» nicht zuletzt eine erotische Gesellschaft porträtiert, wusste hier Energien freizusetzen, die in genau einer Opernstunde vom Cellokantilenen-sanften, noch zaghaften präinzestuösen ersten Blick bis zur sexuellen Explosion führen. Wagners wissendes Orchester ist dabei stets mehr als einen Schritt weiter (und weiser) als die handelnden Personen. Es ahnt, es antizipiert, was unweigerlich kommen muss. Wagner nutzt die Leitmotive zur zeitlichen Disposition des Voraus- und Zurückschauens und somit auch als unsere Rezeption lenkende Gefühlswegweiser, um die Phasen des Wiedererkennens als subtile ...
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Opernwelt November 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Peter Krause
JUBILARE
Stein Winge absolvierte seine Ausbildung an der Academy of Dramatic Art in Oslo. Der Norweger, bereits als Produzent, Schauspiel- und Fernsehregisseur erfolgreich, wandte sich in den 1990er-Jahren verstärkt dem Musiktheater zu. Der internationale Durchbruch gelang ihm 1993 mit seiner Lesart von Mussorgskys «Boris Godunow» am Grand Théâtre de Genève....
«Ein Verbrechen, das einem die Krone bringt, ist keines.» Fast beiläufig lässt Lottario, der Enkel Karls des Großen, im Rezitativ diese Bemerkung fallen. Ein Credo – nicht nur seines, sondern dieser ganzen schrecklichen Familie, überhaupt all jener, deren Macht- und Besitzgeilheit sie über Leichen steigen lässt. Der Erste verröchelt schon am Boden, während George...
Die Staatsoper Unter den Linden eröffnet ihren Premieren-Reigen traditionell am Tag der Deutschen Einheit und wählt dafür gern ein symbolträchtiges Stück. In diesem Jahr war es Luca Francesconis «Quartett» nach dem gleichnamigen Theaterstück von Heiner Müller. Der Dramatiker imaginiert darin die Hauptfiguren von Choderlos de Laclos’ Briefroman «Liaisons...
