Zu Viel! Zu Viel!
Wer Kunst schafft, will Ewigkeit – Unsterblichkeit im eigenen Werk. Heinrich Tannhäuser, als Minnesänger eine Art Singer-Songwriter des Mittelalters, ist in der Liebeshöhle der Venus auf dem besten Weg zu solchen höheren Weihen. Er komponiert, und die Göttin ist bereit, ihn zum Gott zu machen. Dazu muss er allerdings an ihrer warmen Brust verweilen. Doch der Künstler ist der holden Wunder müde, er sucht die Freiheit, das wahre Leben und das echte Leiden – die eigene Endlichkeit ist darin einkalkuliert. Der Frustrierte will raus aus dem Venusberg.
Sein Stoßseufzer «Zu viel! Zu viel!» rekurriert in David Hermanns Lyoneser Inszenierung indes nicht auf die multiplen Möglichkeiten der sexuellen Befriedigung im Reich der Venus. Denn die Göttin und ihre Assistentinnen sind gar keine Damen aus Fleisch und Blut. Es sind digital generierte, etwas staksige Maschinen der Lust, die echten Frauen nur täuschend ähnlichsehen. Tannhäuser tummelt sich in der Welt von Avataren. Der Venusberg als Virtual Reality – das ist hübsch erdacht, übersetzt es doch die Vision des 19. Jahrhunderts jener «Paradis artificiels» in unsere Gegenwart, wie es der frühe Vertreter der Moderne und dichtende Wagnerianer ...
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Opernwelt 12 2022
Rubrik: Panorama, Seite 52
von Peter Krause
Wer wird neues Glück uns geben? Kann man ohne König leben?», fragt das Volk am Ende von Nikolai Rimski-Korsakows Oper «Der goldene Hahn». Am Landestheater Coburg hat der regieführende Intendant Bernhard F. Loges eine vorsichtige Antwort parat: Mindestens ein paar der Höflinge nehmen die grau staubenden Perücken ab und «entsorgen» die Zarenkrone. Schließlich ist...
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Der Titel der großen Schau führt in die Irre. Denn hier wird weder nachgewiesen, dass die Oper tot ist, noch wird gezeigt, in welchen Spielarten sie heute höchst lebendig ist. Aber natürlich macht der leicht provokante Titel neugierig, und das ist schon ein Gewinn. Dass Oper gestrig sei, ist eines der hartnäckigen Klischees, mit denen sich die Gattung herumschlagen...
