Zu viel Distanz

Bizet: Carmen
Essen | Aalto-Theater

Opernwelt - Logo

Die Welt ist eine Scheibe. Die Scheibe eine Arena. Sandfarben, backofenwarm ausgeleuchtet von Alex Brok. Dennoch will irisierende Stimmung nicht aufkommen. Es fehlen die Zuschauer, ihr Gejohle und Geraune, es fehlt das Flair des Stierkampfs. Es fehlt das Klischee. Lotte de Beer deutet Mérimées sevillanische Atmosphäre am Essener Aalto-Theater nur in den Kostümen (Clement & Sanôu) an, sowie mit einer von ihr selbst realisierten Choreografie, die traditionelle Massenauftritte stilisiert. Und genau das ist der Knackpunkt.

Bizets «Carmen» ist zwar genretechnisch eine Opéra-comique, erzählt aber darüber hinaus die Geschichte einer Frau, die frei sein will wie ein Vogel und diese Selbstbestimmung unabhängig von Leben oder Tod wählt. Da sind, wie auch immer man die Titelfigur zeichnet, erkleckliche Leidenschaften und Verwerfungen im Spiel. Die Carmen der niederländischen Regisseurin aber atmet vor allem eines: Distanz. Distanz zu den Herren der Schöpfung, zu sich selbst, zur Liebe, zum Leben, zur Lust. Als kühle, intellektuelle (rothaarige) Schönheit betritt Bettina Ranch die Szenerie, ihre Erotik sublim aussteuernd, mit abwehrender Gestik und – anders als ihr samten dunkler Mezzo – nur ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Dezember 2018
Rubrik: Panorama, Seite 34
von Jürgen Otten

Weitere Beiträge
Flüchtige Moderne

Das Stück hat Hochkonjunktur, zumindest in der Schweiz. An drei Bühnen des Landes mit unterschiedlicher Tradition und Kapazität kam Mozarts «Così fan tutte» heraus. Mit der Opéra de Lausanne wandte sich ein kleines, ungemein regsames Haus dem Stück zu. Das Vierspartentheater in Bern, das konsequent auf den Ensemblegedanken setzt, sorgte mit seiner Saisoneröffnung...

Episch

Verglichen mit «Einstein on the Beach» und «Akhnaten», stellt Philip Glass’ «Satyagraha» für Produktionsteams die größere Herausforderung dar. «Einstein» ist eine Art surrealistischer Bilderbogen, «Akhnaten» eine linear erzählte Geschichte. Der Form nach liegt «Satyagraha» irgendwo dazwischen. Einerseits handelt es sich um eine Meditation über das Leben Mahatma...

Très charmant

«Spieglein, Spieglein an der Wand, / wer ist die Schönste im ganzen Land?» Gute Frage. Leider selten richtig beantwortet. Wer etwa unter einer «körperdysmorphen Störung» leidet, muss höllisch aufpassen, sein Selbst nicht zu verlieren, versteht man doch darunter die Sucht, sich selbst ständig stundenlang anschauen zu müssen – allerdings nur, um das Manko zu sehen,...