Zimperliche Janitscharen
Über die Türken herrschten in Wien anno 1800 glücklicherweise nur Vorurteile. Es war der edle Prinz Eugen, der Österreich die Urteile erspart hatte. Um zu erfahren, was eine orientalische Despotie tatsächlich bedeutete, schlägt man heute am besten Romane von Géza Gárdonyi und Mór Jókai auf oder – besondere Nervenstärke vorausgesetzt – von Ivo Andrić.
In Ungarn und Kroatien blieben die Taten der Tyrannen über Jahrhunderte in Erinnerung. Das westliche Europa hatte nur einen blassen Schimmer davon.
Man ergötzte sich an der Janitscharenmusik, die Lully und Rameau, Gluck, Haydn und Mozart aufgriffen, ja sogar noch Beethoven und Spohr pflegten. Wenn jetzt die Staatskapelle Berlin mit einer geradezu zimperlichen Version dieses ursprünglich kriegerischen Idioms aufwartet, liegt der Verdacht eines pazifistischen Korrektivs nahe: dass nämlich die Armeen des Sultans vielleicht nicht gar so furchtbar gewesen seien wie häufig geschildert – und die Zustände am Bosporus eher human und poetisch. Mozarts Aufseher Osmin spricht freilich eine andere, von Lustmord-Phantasien durchsetzte Sprache. Die gilt es folglich zu bagatellisieren, und dafür ist Bülent Ceylan zuständig. Der Comedian aus Mannheim ...
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Opernwelt August 2026
Rubrik: Panorama, Seite 68
von Volker Tarnow
Der Prolog zeigt einen brutalen Doppelmord. Durch das Fenster eines Appartements sieht man, wie eine junge Frau und ihr Begleiter von einem Maskierten niedergestochen werden. Drinnen sitzt ein Mann vor dem Fernseher und schaut einen Thriller. Plötzlich schaltet er aus, als könne er das Gezeigte nicht ertragen. Schnell wird klar: Der Mann und der Täter sind eine...
Georges Bizets «Carmen» ist vielleicht das am gravierendsten verkannte Repertoirestück. Seit 1908 sind weit über 200 Gesamteinspielungen erschienen. Keine einzige wird dem Geist dieser «Operette mit tödlichem Ausgang», wie Bizet selbst sein Werk nannte, gerecht. Auch der Versuch zweier renommierter französischer Institutionen, des Palazzetto Bru Zane und der Opéra...
Von Walter Benjamin stammt die scharfsinnige, nur bedingt anfechtbare These, Schicksal und Charakter würden einander ausschließen: «Wo das Schicksal herrscht, sei, so der Philosoph, «für Charaktere, die standhalten, kein Platz, und wo sich Charaktere ungebrochen behaupten, bleibt das Schicksal fern.» In den Opern Verdis ist meist Ersteres der Fall, wobei man...
