Zeitgeist ausgeblendet
Krisen nähren Utopien. Nicht wenige träumen wieder von einer gerechteren und menschlicheren Gesellschaft. Der amerikanische Präsident denkt laut über eine atomwaffenfreie Welt nach – Thomas Morus grüßt aus der Ferne. Was macht da ein Regisseur mit der Utopie von Erlösung durch Mitleid, wie sie Richard Wagner in seinem «Parsifal» formuliert hat? Zumal dann, wenn er, wie Gerd Heinz es selbst bekennt, ein Unbehagen an diesem Komponisten empfindet? Die Antwort fällt überraschend aus. Heinz ist nicht angetreten, um Zweifel zu nähren: Er inszeniert die Utopie, denkt sie zu Ende.
Deshalb tut man gut daran, «Parsifal» am Staatstheater Meiningen vom Schlussakt her zu betrachten. Parsifal bringt den Gralsrittern und ihrem König Amfortas (makellos in Diktion und Phrasierung: Dae-Hee Shin) Erlösung, nachdem er durch den Verführungskuss der Kundry (beeindruckend in ihrer Expressivität: Anna-Maria Dur) zum durch Mitleid Wissenden geworden ist. Die Inszenierung weicht bei aller Textbuchgenauigkeit in drei wesentlichen Details vom Wagner’schen Original ab: Zwei kleine Kinder begleiten den greisen Gralsritter Gurnemanz (trotz seines jungfrischen Basses ein exzellenter musikalischer Erzähler: ...
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