Wahrhaftig contra veristisch
Noch heute wird die 1957 (also im zweiten Jahr der Ära Karajan) herausgekommene «Madama Butterfly» unter Dimitri Mitropoulos, in der Sena Jurinac ihre erste Cho-Cho-San sang, zu den Sternstunden der Wiener Staatsoper gerechnet. Michael Gielen bekannte in einem Interview mit dem Autor, dass er durch diese Aufführung und vor allem dank Mitropoulos in dem vorher als seicht empfundenen Stück «große tragische Musik» entdeckt habe.
Vier Jahre nach dieser denkwürdigen Premiere wurde eine Repertoire-Vorstellung der Produktion mitgeschnitten, die nun bei Orfeo erstmals offiziell (und vollständig!) vorliegt. Obwohl nicht mehr (der unterdessen verstorbene) Mitropoulos am Pult stand, sondern der Hausdirigent Berislav Klobucar, zeigt sie keine Spuren von Routine. Die Aufführung steht ganz im Banne der Protagonistin. Sena Jurinac war nun auf dem Zenit ihrer stimmlichen Möglichkeiten angelangt. Einen Monat zuvor hatte sie mit Klemperer in London «Fidelio» gemacht. Die Wahrhaftigkeit, mit der sie Beethovens Leonore gestaltete, prägt auch ihre gänzlich ungewöhnliche Interpretation der Butterfly.
Jurinac ist nirgends «nippesfigürlich», wie es in einer älteren deutschen Übersetzung heißt, sondern ...
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