Vorreiter des Wandels
Zum Auftakt möchte ich den Soziologen Bruno Latour zitieren mit einem Statement, das er im März 2020 veröffentlicht hatte: «Wir müssen gerade jetzt dafür kämpfen, dass die wirtschaftliche Erholung nach der Krise das alte Klimaregime nicht wiederherstellt, gegen das wir bisher vergeblich gekämpft haben. Die Gesundheitskrise ist in etwas eingebettet, das keine Krise ist (sie ist immer vorübergehend), sondern eine nachhaltige und unumkehrbare ökologische Veränderung.» Und die trifft ohnehin schon marginalisierte Gruppen am härtesten.
Was bedeutet das konkret für die Theater? Wovon sind wir bereit, uns zu befreien?
Ich sage: Wir werden uns in Zukunft noch konsequenter dem Abbau und der Veränderung patriarchaler und kolonialistischer Strukturen, die letzten Endes auf der gewaltsamen Ausbeutung verwundbarer Körper beruhen, widmen müssen. Die Freiheiten und Werte, die wir für uns fordern und in Anspruch nehmen, haben ihre ökonomische und politische Grundlage im radikalen Ausschluss eines Großteils der Menschen und Lebewesen auf diesem Planeten von diesen Freiheiten und Werten – was überhaupt erst die Voraussetzung für ihre Ausbeutung als Basis unseres Wohlstands schafft: Wir haben ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt September/Oktober 2020
Rubrik: Thema, Seite 42
von Annemie Vanackere
Gaspare Spontinis «Fernand Cortez» gilt als erster Schritt auf dem Weg zur Grand Opéra. Mit seiner Kunst, Massen zu bewegen und dramatische Höhepunkte zu statischen Tableaus einzufrieren, hat der Italiener sich gleich drei Herrschern angedient, nicht ohne die jeweiligen politischen Konstellationen systemstabilisierend gleich ästhetisch mitzureflektieren: 1809...
Michail Glinka war also Antisemit. Und deshalb darf die Berliner U-Bahn-Station «Mohrenstraße» nicht nach der Straße umbenannt werden, in der das Haus liegt, in dem der russische Komponist 1857 starb.
Mit Antisemitismus, Rassismus, Kolonialismus in der Operngeschichte ist es freilich eine vertrackte Sache. In Berlin hält die U-Bahn auch am «Richard-Wagner-Platz»....
Ich bin nicht souverän. Kann es nicht sein, obwohl die Freiräume wieder größer werden. Die Zeit arbeitet für uns, denkt man, beruhigt man sich. Ja, wir werden wieder Theater spielen. Der Spuk wird ein Ende haben. Aber souverän? NEIN. Ich schaffe das nicht, denn ich muss zugeben, dass ich verstörende Tendenzen in meiner Psyche entdecken musste, auf die ich nicht...
