Zarte Mystik, lodernde Emphase
Er hatte wohl recht, jener Kritiker der halboffiziellen «Gazzetta privilegiata di Venezia», als er Verdis «Simon Boccanegra» nach dem Uraufführungsfiasko im März 1857 «eine vielleicht zu gewaltige, zu ernste Musik» bescheinigte und diagnostizierte, «eine Grabesstimmung» beherrsche die Partitur. Tatsächlich hatte Francesco Maria Piave, der Librettist der Urfassung, versucht, Verdi zu mehr Arien und weniger politischen Dialogen zu bewegen, doch der Komponist beharrte auf den Vorgaben der spanischen Originalvorlage.
Auch die dank der kundigen Feder Arrigo Boitos 1881 für die Mailänder Scala erstellte zweite Fassung der Oper hellte die tinta lugubre kaum auf. Im Gegenteil: Noch schwärzer, von Moll-Tonarten verschatteter geriet die letztgültige Version des Werks, die für auflockernde Belcanto-Einlagen wenig Raum ließ.
Das also war Verdis romantisch eingefärbte Vision der feroce storia, der wilden Historie Italiens im 14. Jahrhundert: soziale Unterdrückung und politische Korruption innerhalb der Stadtmauern, erbitterte Kriege zwischen den Kleinstaaten – eine Gemengelage, die schließlich zum Niedergang des Landes führte. Alles Geschichte? Alte Fehden, die der Vergangenheit angehören? Das ...
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Opernwelt Januar 2015
Rubrik: Panorama, Seite 45
von Carlo Vitali
Im Rückblick hat das Verdi-Jahr 2013 kaum aufregende Erkenntnisse oder gar Neubewertungen hervorgebracht. Umso erstaunlicher, dass nun, zum Ende des Folgejahrs, eine der als problematisch geltenden und deshalb bislang stiefmütterlich behandelten frühen Opern Verdis großes Interesse findet: Die Schiller-Adaption «Luisa Miller» scheint ihr schwieriges Image plötzlich...
Im Jahr 1925 nahm sich der französische Schriftsteller und Philosoph Georges Palante in der bretonischen Kleinstadt Saint-Brieuc das Leben. Ein spätes Nachbeben dieser Tat hat nun die Opernbühne erreicht. Bereits 1935 hatte Louis Guilloux seinem Lehrer, der eine anarchistisch-individualistische Lebensauffassung vertrat, mit dem autobiografisch gefärbten Roman...
Cosima Liszt und die Schauspielerin Ellen Franz waren Jugendfreundinnen aus Berliner Tagen, beide Klavierschülerinnen von Hans von Bülow. Zwischen 1859 und 1862 pflegten sie einen Briefwechsel, in englischer Sprache (die Mutter von Ellen Franz stammte aus Middlesex). Nach langjähriger Pause und unter neuen Vorzeichen nahmen sie ihn 1877 wieder auf: Cosima war seit...
