Zahnlos
Die Tonart verheißt nichts Gutes. As-Moll, das erinnert weniger an Frühsommerduft als vielmehr an Trübsal, Tristesse und Tragik. Eben die herrscht nun hörbar auch im karg möblierten Schlafzimmer des Kollegienassessors Kowaljow: Schluchzende Glissandi der Posaunen, Violinen, Oboen und Klarinetten dominieren dieses Adagio, ja selbst die Harfe seufzt, und das ist ja fürwahr kein Wunder: Platon Kusmitsch hat sein Riechorgan verloren. Schwupps, weg ist es. Eine Katastrophe, die ihn beinahe in den Wahnsinn treibt.
Und Schostakowitsch zu einem seiner berühmt-berüchtigten musikantischen Galopprennen animierte, die, nach scharfer enharmonischer Verwechslung, mit Hilfe von Xylofon, Trompeten, Geigen und einer Balalaika in ein gewaltiges Tohuwabohu mündet.
Nur: Man hört davon kaum etwas in der Hamburgischen Staatsoper. Matt und müde klingt das Orchester, nicht nur an dieser Stelle. Schon die Ouvertüre besitzt kaum die nötigen grell-scharfen Konturen; wie ein netter Abendspaziergang wirkt diese eigentlich forsch-freche Marschparodie, mit welcher der Geniestreich des jungen Komponisten anhebt. Zwei Möglichkeiten: Entweder hat es sich Kent Nagano zum Ziel gesetzt, der Musik die Zähne zu ...
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Opernwelt November 2019
Rubrik: Panorama, Seite 47
von Jürgen Otten
Viermal lockt die blonde Schöne den Liebe suchenden Tannhäuser in der gleichen Pose. Jedes Mal vergrößert sich bis zum Ende der Ouvertüre ihr Gefolge. Dabei watet man auf der Bühne des Stadttheaters Klagenfurt knöcheltief durchs Wasserbassin. Der französische Regisseur David Bobée sieht nämlich im Venusberg nicht die lodernde Glut wild entflammter Begierde,...
Da geistert eine Figur durchs Geschehen, die haben sie in den Proben den «Tod» genannt. Später heißt er Hippolyte. Er taucht bald hier auf, bald dort. Verschwindet wieder, ist nicht greifbar. Geheimnisvoll, gespenstisch wird er zur heimlichen Hauptperson, zum Stichwortgeber, zum Drahtzieher. Der Tod, das muss ein Wiener sein? Man spielt den «Rosenkavalier» von...
Der Weg der neueren Bildung geht von Humanität durch Nationalität zur Bestialität.» Als der österreichische Dramatiker Franz Grillparzer 1849 diese düstere Prognose stellte, konnte er nicht ahnen, welch grausige Wirklichkeit diese schon ein gutes halbes Jahrhundert später gewinnen würde: «Die letzten Tage der Menschheit» sah denn auch der Wiener Satiriker Karl...
