Zahnlos
Die Tonart verheißt nichts Gutes. As-Moll, das erinnert weniger an Frühsommerduft als vielmehr an Trübsal, Tristesse und Tragik. Eben die herrscht nun hörbar auch im karg möblierten Schlafzimmer des Kollegienassessors Kowaljow: Schluchzende Glissandi der Posaunen, Violinen, Oboen und Klarinetten dominieren dieses Adagio, ja selbst die Harfe seufzt, und das ist ja fürwahr kein Wunder: Platon Kusmitsch hat sein Riechorgan verloren. Schwupps, weg ist es. Eine Katastrophe, die ihn beinahe in den Wahnsinn treibt.
Und Schostakowitsch zu einem seiner berühmt-berüchtigten musikantischen Galopprennen animierte, die, nach scharfer enharmonischer Verwechslung, mit Hilfe von Xylofon, Trompeten, Geigen und einer Balalaika in ein gewaltiges Tohuwabohu mündet.
Nur: Man hört davon kaum etwas in der Hamburgischen Staatsoper. Matt und müde klingt das Orchester, nicht nur an dieser Stelle. Schon die Ouvertüre besitzt kaum die nötigen grell-scharfen Konturen; wie ein netter Abendspaziergang wirkt diese eigentlich forsch-freche Marschparodie, mit welcher der Geniestreich des jungen Komponisten anhebt. Zwei Möglichkeiten: Entweder hat es sich Kent Nagano zum Ziel gesetzt, der Musik die Zähne zu ...
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Opernwelt November 2019
Rubrik: Panorama, Seite 47
von Jürgen Otten
Die Kunst ist krank. Seit sie das klassische Gleichgewicht aus apollinischem Formempfinden und dionysischer Maßlosigkeit zugunsten Letzterer eingebüßt hat, verzehrt sie sich – und mit ihr die Schöpfer, mitunter gar die singenden oder dirigierenden Nachschöpfer des Entgrenzten, des Unbedingten, des Rauschhaften. Richard Wagners sich im «Tristan»-Akkord...
Christina Pluhar
Sie sucht das Unerhörte, Ungewöhnliche, Überraschende. Mit ihrem Ensemble L’Arpeggiata erkundet die Lautenistin und Harfenistin das Terrain der Alten Musik – um es mit Experimenten, Modernisierungen und kühnen Repertoire-Erweiterungen aufzufrischen. Künftig will sie sich vor allem um Bühnenwerke kümmern. Ein Gespräch
Hans Abrahamsen
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Was wohl der weise wie menschenkundige Doktor Marianus zu dieser Szene am Beginn des vierten Akts von «Les Indes galantes» anmerken würde? Er würde vermutlich schweigen, schmunzeln und sehr sanft sein Haupt schütteln. Denn rein gar nichts ist hier von jener reinen Minne zu spüren, die Marianus in der Bergschluchten-Szene aus Goethes «Faust II» besingt, von jener...
