Maßlos mit Augenmaß
Die Kunst ist krank. Seit sie das klassische Gleichgewicht aus apollinischem Formempfinden und dionysischer Maßlosigkeit zugunsten Letzterer eingebüßt hat, verzehrt sie sich – und mit ihr die Schöpfer, mitunter gar die singenden oder dirigierenden Nachschöpfer des Entgrenzten, des Unbedingten, des Rauschhaften.
Richard Wagners sich im «Tristan»-Akkord kristallisierende Emanzipation der Dissonanz, jener ins Unendliche zielende, sehrende, dauergespannte Klang, der sich erst im transzendierenden H-Dur der finalen morendo-Takte auflöst – er markiert die Initialzündung dieses musik- und womöglich schon kulturhistorischen Fin de Siècle. Richard Strauss sollte ihm in «Salome» (1905) huldigen, Franz Schreker wenig später in «Die Gezeichneten» (1918) und im «Fernen Klang» (1912), einer Oper, die wie kein anderes Bühnenwerk des Expressionismus einem therapeutischen Abarbeiten an der Wagner-Wunde, den Freud-Abgründen und der Untergangsstimmung vor dem Ersten Weltkrieg gleichkommt.
Noch unverblümter als der Bayreuther Meister stellt Schreker sich dabei selbst in den Mittelpunkt seines Werks. Kein kranker Krieger (Tristan), sondern ein kranker Komponist (Fritz), natürlich Heldentenor, sucht ...
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Opernwelt November 2019
Rubrik: Im Focus, Seite 8
von Peter Krause
Alfredo Casella (1883-1947) war ein Hauptvertreter der so genannten «generazione dell’ottanta», die sich radikal von der spätromantischen Wagner-Nachfolge wie vom italienischen Verismo abwandte und die Zukunft der Musik in der Rückbesinnung auf die alten Formen, in einem bewussten Klassizismus sah. Im Musiktheater bedeutete das eine Abkehr von mythologischen und...
Der Komponist fehlte. Auch der Regisseur war nicht vor Ort, als an der Opéra national du Rhin nach der Premiere von «4.48 Psychosis» der Applaus losbrach. In atemlose Stille – als helfe das Klatschen dabei, ins Diesseits zurückzufinden nach dem vergeblichen, von Schreien, Flüstern und pochendem Schweigen perforierten Kampf gegen die Übermacht der Depression, den...
Über die Einteilung der Stimme in Fächer konnte sie nur lachen. Was für sie zählte, war allein die Klangrede aus innerer Notwendigkeit. Unerschöpflich schienen ihre vokalen Ressourcen, egal ob sie Gounod, Verdi,
Wagner, Strauss oder Spirituals sang. Selbst im Gespräch vermochte Jessye Norman zu elektrisieren. Erinnerungen an eine Künstlerin, die sich...
