«Wir sind ständig auf der Suche»
Herr Rousset, Sie haben in Wien gerade Ihre fünfte Salieri-Oper dirigiert. Was haben wir bis jetzt versäumt?
Es gibt in «Kublai Khan» viel Kühnheit, vor allem in der Form. Die Arien werden oft von Rezitativphrasen unterbrochen; somit hat man den Eindruck, dass die Dinge sehr dringlich sind. Es gibt auch einen klaren Willen, die Rollen stilistisch zu definieren. Die Titelfigur ist ein Basso buffo, und auch sein Kammerherr Orcano ist ganz im Stil eines Narren gehalten.
Andererseits gibt es die Figuren von Alzima und dem Prinzen Timur, die tragischer sind und stärker charakterisiert werden. Ihr Liebesduett drückt sich in einem völlig anderen Musikstil aus, der uns zur Opera seria führt, mit einer raffinierteren Instrumentierung und extrem schönen Gesangslinien. Eine Persönlichkeit, die ziemlich erstaunlich ist, findet sich im Priester. Er manipuliert den Kaiser und seinen Sohn Prinz Lipi, welcher in einem etwas vorromantischen Stil behandelt wird. Es gibt also drei Ebenen, die in dieser Partitur klar festgelegt sind. Auch hier nutzte Salieri die Gelegenheit, neue Farben zu erfinden. In einem dieser Soli sind die hohen Streicher komplett abwesend: Nur Flöte und Oboe spielen über den ...
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Opernwelt Juni 2024
Rubrik: Magazin, Seite 72
von Rebecca Schmid
Es läuft nicht immer alles nach Wunsch. Auf dem Papier war es ein Krönungsabend für die Sonnambula unseres Jahrhunderts; ein Abend, der die großen Nachtwandlerinnen der Vergangenheit vergessen machen sollte, von Giuditta Pasta über Maria Callas bis zu June Anderson. Und ja, Lisette Oropesa hat alle Voraussetzungen, um mit den genannten Göttinnen zu konkurrieren....
Fahle Quart- und Quintklänge, fahles Licht. Man ist mit Blick auf die Figuren, die hier die Bühne bevölkern, versucht, an Goethes «Faust» zu denken: «Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten, / Die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt.» Wir befinden uns im Jenseits, das signalisiert das lange Orchesterchorspiel. Und das vergegenwärtigen die Chorklänge, die...
Sogar Hiob hat es besser getroffen. In Stefan Hertmans historisch inspiriertem Roman «Die Fremde» gibt es für die arme Vigdis keine Erlösung, das macht auch die Opernadap -tion «The Convert (Beten – zu wem?)» von Anfang an deutlich. Die Dissonanzen sind bei Wim Henderickx immer präsent, stechend, warnend. Vor allem aber tragen sie das Gepräge des Zweifels, wenn...
