Glauben ohne Gott
Sogar Hiob hat es besser getroffen. In Stefan Hertmans historisch inspiriertem Roman «Die Fremde» gibt es für die arme Vigdis keine Erlösung, das macht auch die Opernadap -tion «The Convert (Beten – zu wem?)» von Anfang an deutlich. Die Dissonanzen sind bei Wim Henderickx immer präsent, stechend, warnend. Vor allem aber tragen sie das Gepräge des Zweifels, wenn Hamoutal, wie die Hauptfigur Vigdis als Jüdin heißt, schon wieder jemandem verspricht, dass sie hier «safe» sei. Wehe dem, der irrt: Niemand ist in dieser Oper sicher.
Gott ist abwesend.
Umso präsenter jene Gebete, die der Bielefelder Opernchor mit authentischheiligem Eifer frontal ins Publikum schmettert. Virtuos kombiniert Henderickx die Vielstimmigkeit der Glaubensbekenntnisse und der Spielorte des Romans. Am Theater Bielefeld droht das Tonkonzept diese Vielseitigkeit jedoch zu erschlagen. Die (vermutlich notwendige) Verstärkung der Stimmen lässt dem Klangerlebnis kaum Steigerungsmöglichkeiten. Selbst zarte Melodien haben im ersten Akt kaum eine Chance, unter die Haut zu dringen, weil sie von der Anlage unvermittelt und drastisch in den Saal gepustet werden.
Dabei machte der 2022 verstorbene Komponist seinem Publikum ein ...
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Opernwelt Juni 2024
Rubrik: Panorama, Seite 45
von Anna Chernomordik
Puccinis «Madama Butterfly» in der bahnbrechenden Inszenierung des mittlerweile verstorbenen Anthony Minghella bildete 2006 den Auftakt der Amtszeit von Intendant Peter Gelb an der New Yorker Met. Angefangen mit Cristina Gallardo-Domâs als Cio-Cio-San hat sich die nach wie vor erfolgreichste Produktion des Hauses als wahre Primadonnen-Schmiede entpuppt und...
Das ist ja wirklich mal eine grandiose Überraschung. Nicht, dass man dem Theater Luzern eine solche Wundertat nicht zutrauen würde – das Haus war schon oft für Überraschungen gut. Aber das jetzt, das ist wirklich umwerfend. Antonio Vivaldis «Giustino», geschickt gekürzt auf eine Netto-Spielzeit von zweieinhalb Stunden, also immer noch recht lang, aber so süchtig...
Kein Bühnenwerk Richard Wagners konfrontiert ein Produktionsteam am Theater wohl mit derart vielen konzeptionellen Vorabüberlegungen wie die romantische Oper «Tannhäuser». Und das hat viel damit zu tun, dass der Komponist selbst es war, der dieses Stück als etwas Unvollendetes betrachtete. Er sei der Welt «noch einen Tannhäuser schuldig», beteuerte er gegenüber...
