Wieviel Nüchternheit braucht Musik?

Buch des Monats: Ein Sammelband geht Person und Wirken Karl Böhms nach und gewährt wichtige Einblicke in die Interpretationsgeschichte der Nachkriegszeit

Opernwelt - Logo

In den Rang eines Sympathieträgers hat es der Dirigent Karl Böhm nie geschafft. Achtung, Interesse, Furcht: ja, Liebe: kaum. Böhm hat mit seiner Person viel dazu beigetragen, begonnen beim bereitwilligen Mitläufertum während der Nazi-Zeit (ein Wort des Bedauerns hat er dazu nie gefunden), bis hin zu seinem Ruf als Probenteufel. Kameramitschnitte von Proben Karl Böhms lassen einem heute noch das Blut in den Adern gefrieren, so gruselig die genervte Ungeduld und der zähnebleckende Zynismus des Dirigenten.

Noch die größten Ensembles saßen wie Schülerorchester vor ihm; dass in den Konzerten die innere Freiheit der Musiker zunahm, dürfte auch mit der Erleichterung zu tun gehabt haben, nicht mehr, wie in der Probe, bloßstellend von ihm ins Visier genommen werden zu können.

Vielleicht hat mit diesem Sympathiedefizit zu tun, dass sich die biographische und musikwissenschaftliche Beschäftigung mit dem gebürtigen Grazer, der später zum «Österreichischen Generalmusikdirektor» ernannt wurde, sehr in Grenzen hält – ein erstaunlicher Fakt bei einem Mann, der nach dem Krieg neben Karajan der präsenteste Dirigent aus dem deutschsprachigen Raum war. Auftritte bei den Salzburger Festspielen teilten ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt September-Oktober 2025
Rubrik: Medien, Seite 69
von Clemens Haustein

Weitere Beiträge
So ist es sonst nirgends

Als der Traum vom eigenen Festspielhaus Realität zu werden begann, bekamen Wagner und seine Frau Cosima ein wenig kalte Füße. «Sehr ergriffen» sei Wagner vom Bauplatz zurückgekehrt, schrieb Cosima ins Tagebuch, nachdem ihr Mann die Arbeiten am gewaltigen Fundament des Bühnengebäudes begutachtet hatte, «nun sei er verpflichtet, nun sei er nicht mehr frei, […] er...

O solitude, my sweetest choice

Singen hilft immer. Auch in den schwersten Momenten unseres Lebens, wenn der oder die Liebste für immer dahingegangen ist. «O let me weep, for ever weep» – so lautet die erste Zeile jener Gedichtvertonung, die in einer posthumen Aufführung von Henry Purcells Masque »The Fairy Queen» auf Shakespeares somnambule Komödie «A Midsummer Night’s Dream» anno 1698 im...

Auf Gold- und Geldsuche

Now it’s Partytime»: Die Dame in der maßgeschneiderten, exklusiven, zitronengelben Robe lässt sich nichts anmerken an diesem Abend. Das ist Lilli Paasikivis Einstand, und den sollen ihr die schlechten Nachrichten, die sie erst wenige Wochen zuvor ereilt haben, nicht verderben. Und so hält die neue Intendantin der Bregenzer Festspiele auf Englisch eine souveräne...