Wie in Trance
Diesem Mann ist nicht zu helfen. Während seine einstige Liebe Stella im Theater singt, sehen wir den erfolglosen Dichter Hoffmann im Bistro nebenan, hin- und hergerissen zwischen Schreiben und Trinken. Um ihn herum stapeln sich die getippten Manuskriptseiten, aus dem Off erklingen die Geister des Bieres und des Weins, bis er schließlich betrunken am Boden liegt. In der Opernpause strömen die Besucher herein, darunter ein Pulk Studenten.
Der Rat Lindorf will Hoffmann Stella ausspannen; ihre Rivalin, die Muse, wechselt die Kleider und begleitet ihn als Niklas auf seiner Reise durch die Albtraumwelten der Liebe. Was wir sehen, ist nicht die Lebensbeichte eines versoffenen Genies, sondern dichterische Fantasie, die sich (und uns) Geschichten vormacht.
In Floris Vissers Karlsruher Inszenierung ist Hoffmann stets Erzähler und erzähltes Subjekt zugleich, für den das Erfinden und Erleben von Geschichten ineinander übergeht und drei Frauen – die seelenlose Puppe Olympia, die autistische Sängerin Antonia und die Hure Giulietta – zu Projektionen seiner Liebe zu Stella werden. Für die mehrfach gebrochene, doppelbödige Erzählperspektive von Rahmen- und Binnenhandlung hat Gideon Davey einen ...
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Opernwelt August 2019
Rubrik: Im Focus, Seite 21
von Uwe Schweikert
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