Wie in einer Revue

Bonn: Puccini: Turandot

Opernwelt - Logo

In keiner anderen Puccini-Oper ist Lokalkolorit so beherrschend wie in «Turandot». Denn das märchenhafte China bildet nicht nur die exotische Kulisse des Geschehens; unüberhörbare Anleihen aus Fernost finden sich auch in der Partitur. Kein Zufall also, dass «Turandot» traditionell ein beliebter Gegenstand von kostümseligen Monumentalaufführungen unter freiem Himmel oder in zweckentfremdeten Fußballarenen ist, bei denen die Arbeit des Regisseurs sich meist in der Verschiebung der Massen erschöpft.

Dabei schreit die obskure Geschichte der eisigen Prinzessin geradezu nach kluger Regie, nach Motivsuche bei den Protagonisten und Aufschluss der dunklen Vorgänge. Was nicht gleich in rüde Aktualisierung münden muss (wie Bilderstürmer Tilman Knabe es am Essener Aalto-Theater zeigte, als er die Handlung ins moderne Peking verlegte und die Grausamkeiten des Geschehens zuspitzte). Wer aber auf einer märchenhaften Ausstattung besteht, sollte dem zumindest eine schlüssige Entwicklung der Figuren entgegenzusetzen haben.

In Bonn unternimmt das Regieteam aus Silviu Purcarete und Nikolaus Wolcz nicht einmal den Versuch, das Geschehen plausibel zu erzählen, geschweige denn, es mit Aktualität ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt November 2010
Rubrik: Panorama, Seite 47
von Regine Müller

Vergriffen
Weitere Beiträge
Blühende Fantasie

«Götterdämmerung» als Demonstration der Vererbungslehre? Wenn Hagen nach Siegfrieds Tod in einer brutal ausgespielten Szene seine Halbschwester Gutrune vergewaltigt, kann man diese Tat ganz aus den Genen begründen: Hatte sein Vater Alberich bei der Zeugung des Sohnes nicht einst Grimhild, der Herrschersgattin im Hause Gibichungen und Mutter von Gunther und Gutrune,...

Massenpsychose

Die Seestadt wird Bremerhaven im Norden gern genannt, abfällig auch «Fishtown» – und welches Werk passte da besser ins Stadttheater als «Peter Grimes»? Eine glänzende Idee für einen überzeugenden Einstand des neuen Intendanten Ulrich Mokrusch, der den nach 16 Jahren scheidenden Peter Grisebach ablöst. Und Voraussetzung für einen Abend der aufwühlenden Töne und der...

Kampf und Krampf

Es dauert nicht lange, da serviert Calixto Bieito im Basler Theater den ersten Schocker. Ramfis (mit eindrucksvollem Oberkörper und kräftigem Bass: Daniel Golossov), ganzkörperbemalt als eine Art Fußballkrieger, hat ein aufgeschlitztes Reh dabei und wühlt in den blutigen Eingeweiden, während er die Schnauze küsst. Ein Priester in Soutane führt ein Kind an der...