Werkstatt Behrenstraße

Zwei Häuser ganz oben: Das ist noch nie vorgekommen, seit es die «Opernwelt»-Umfrage gibt. Das überraschende Ergebnis macht Sinn – aus unterschiedlichen Gründen. Die Komische Oper Berlin ist unter Andreas Homoki endgültig aus dem langen Schatten ­ihrer Überväter Walter Felsenstein und Harry Kupfer getreten. Mit streitbaren Inszenierungen (Calixto Bieito, Barrie Kosky, Peter Konwitschny), einem ­agilen Musik­chef, der zum «Dirigenten des Jahres» gewählt wurde (Kirill ­Petrenko), einem ausgeprägten ­Ensemblegeist, effek­tiver Jugendarbeit und flottem Marketing hat sich die Bühne in der Behrenstraße gleichsam neu erfunden – und frisches Publikum gewonnen. In Bremen geht eine große Ära zu Ende. Dort hat Klaus Pierwoß vor­ge­führt, wie man trotz hoffnungsloser ­finanzieller Lage spannendes Musik­theater machen kann. Immer wieder wurde das Haus von desinteressierten Politikern drangsaliert: nassforsch und inkom­petent in der Sache. Unter dem Motto «Jetzt erst recht» spielte das Ensemble ums Überleben – und avancierte mit Uraufführungen und unverbrauchten Talenten zu einer der wichtigsten Adressen in der deutschen Musik­theaterlandschaft. Ein Rückblick auf Zorn und Zauber. Und ein paar Fragen zum Neuanfang.

Opernwelt - Logo

Die Beziehung zwischen einem Intendanten und seinem Haus führt, nicht anders als bei Ehepaaren, manchmal zu einer seltsamen Form von Mimikry: Das Selbstverständnis eines Fünfhundert-Personen-Betriebs verdichtet sich dann, so kommt es einem vor, nicht nur in der Person des Chefs, sondern sogar in bestimmten Details seiner Kleidung. Die legen­däre Lederweste Götz Friedrichs beispielsweise schien den ganzen proletarisch durchtränkten Kettenrauchercharme der alten Westberliner Deutschen Oper in sich aufgesogen zu haben.

Die smarten Jacketts von Sir Peter Jonas passten besser als jede wortreiche Beschreibung zum saloppen Brit-Glamour, der seine Münchner Ära prägte.
Andreas Homoki trägt am liebsten ein schwarzes Polohemd und eine schwarze Jeans, doch diese Tracht der linksintellektuellen metropolitanen Freiberufler erhält bei ihm durch die leichten Schweißflecken und die Schlieren von Bühnenstaub, von denen sie nie ganz frei ist, eine eigene, praktische Erdung. Auch jetzt ist das nicht anders, als der Intendant der Komischen Oper aus der Probe zur «Fledermaus» kommt, dem Stück, mit dem das Haus an der Berliner Behrenstraße vor sechzig Jahren eingeweiht wurde und das die Spielzeit 2007/08 ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Jahrbuch 2007
Rubrik: Opernhaus des Jahres, Seite 16
von Jörg Königsdorf

Vergriffen
Weitere Beiträge
Sinnliche Dekonstruktion

Herr Herheim, in Ihren Inszenierungen thema­tisieren Sie gern die Rezeptionsgeschichte der Werke. Wäre es da nicht konsequent, wenn auch der Regisseur Herheim selbst als letztes Glied in dieser Kette auf der Bühne auftauchen würde?
Nun, der Regisseur Herheim ist sich des etymologischen Ursprungs seines Berufes bewusst: Das lateinische «regere» bedeutet so viel wie...

«Kinder und Hunde konnte ich schon immer gut nachmachen»

Frau Schäfer, wie geht es Ihren beiden Töchtern?
Danke, ich kann nicht klagen. Als ich sie gestern ins Bett brachte und vor unserem Schlaflied zufällig das Radio anmachte, kam gerade der Mitschnitt von Pergolesis «Stabat mater» aus Salzburg, wo ich eingesprungen war. Sagt die eine Tochter sofort: «Das ist die Mama, die da singt.» Sagt die andere: «Die Mama kann...

Besser als ihr Ruf

Kaum eine Trouvaille aus dem Fundus vergessener Bühnenwerke ist im deutschsprachigen Feuilleton so harsch abgekanzelt worden wie ­Alberto Franchettis um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert entstandene (fünfte) Oper «Germania». «Ab in die Mottenkiste», forderte die Süddeutsche Zeitung nach der Premiere im Oktober 2006 an der Deutschen Oper Berlin – der ersten...