Besser als ihr Ruf
Kaum eine Trouvaille aus dem Fundus vergessener Bühnenwerke ist im deutschsprachigen Feuilleton so harsch abgekanzelt worden wie Alberto Franchettis um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert entstandene (fünfte) Oper «Germania». «Ab in die Mottenkiste», forderte die Süddeutsche Zeitung nach der Premiere im Oktober 2006 an der Deutschen Oper Berlin – der ersten Aufführung des von Puccinis Librettisten Luigi Illica getexteten Dramma lirico seit mehr als fünfzig Jahren.
Eine «auf die Tränendrüse drückende musikalische Schwarte», echauffierte sich die Frankfurter Allgemeine, in der «Kitsch und Pathos» den Ton angäben. Auch für Die Welt war der Fall schon auf den ersten Höreindruck klar: Mit einer dramatisch unglaubwürdigen «Schmonzette» habe man es zu tun, die einem komplexen Thema – dem Widerstand deutscher Reformkräfte gegen die napoleonische Besatzung zwischen 1806 und 1813 – mit eklektizistischem «Gesülze» beizukommen suche. Die Berliner Zeitung witterte gar chauvinistische Umtriebe: Der «Hurra-Patriotismus» des Stücks, insinuierte das Blatt, hätte wohl nie eine Wiederbelebungschance gehabt, wenn er «von einem deutschen Arier statt von einem italienischen Juden komponiert worden» ...
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Opernwelt Jahrbuch 2007
Rubrik: Wiederentdeckung des Jahres, Seite 46
von Albrecht Thiemann
Zur Galionsfigur eines soziokulturellen Aufbruchs, wie sein Kollege Gustavo Dudamel, taugt der lettische Dirigent Andris Nelsons kaum. Kein fotogener Lockenkopf, kein schäumendes Temperament, kein kunterbuntes Jugendorchester, das sich politisch korrekt vermarkten ließe. Und auch keine mächtige Plattenfirma, die, flankiert von Promi-Mentoren wie Simon Rattle oder...
Schluss jetzt, sagen die beiden leicht zerknitterten Herren auf dem Podium. «Es bleibt dabei, dies wird meine letzte Oper sein», meint der Ältere (82), der Jüngere (63) schließt sich an: «Das tue ich nicht mehr!» Und lächeln einander so verständnisinnig an, als könnten sie wirklich zurückblicken auf ein volles, rundes, von gemeinsamen Premieren gepflastertes...
Herr Kehr, Sie sind seit 1996 für das Musiktheater der Schwetzinger Festspiele verantwortlich und haben dort eine «Schwetzinger Dramaturgie» übernommen, deren Philosophie darin besteht, jeden Sommer zwei Opern, die Ausgrabung eines vergessenen Werks und die Uraufführung eines Auftragswerks, im Schlosstheater zu präsentieren. Wie findet man solche Stücke wie...
