Sinnliche Dekonstruktion

Wenn Stefan Herheim über Regie spricht, ­öffnet sich ein Horizont, der weit über das ­jeweils behandelte Stück hinausweist. Eine ­genaue Kenntnis der Entstehungs- und ­Rezeptionsgeschichte sind für ihn so ­unerlässlich wie die Beschäftigung mit der ­Partitur. Herheims «Rheingold»-Inszenierung in Riga (2006) glich einer turbulenten ­Bildrevue zum ewig uner­ledigten Fall Wagner. In Salzburg spielte er Mozarts «Entführung» ab 2002 als Typentheater nach dem Muster von TV-Hochzeits-Shows durch. Und in Essen ließ er «Don Giovanni» 2007 in einer ­katho­lischen Kathedrale los. Für diese ­Produktion wurde er nun zum «Regisseur des Jahres» gewählt. Bei aller dekonstruktivis­tischen Gedankenarbeit bietet Herheim stets pralles, hintergründig witziges Musiktheater. Auf Platz zwei unserer Umfrage: der ­Katalane Calixto Bieito. Sein Furor spaltet Künstler, Publikum und Kritik. Es kommt vor, dass Sänger und Musiker, die eine Bieito-­Aufführung besuchen, um sich zu informieren, in der Pause gehen, weil sie es einfach nicht mehr aushalten. Andere schwören auf den Berserker, der gern leise spricht, aber für eine permanent schreiende Szene sorgt, der das Wort Liebe oft gebraucht, aber die Bühne mit Sex und Gewalt füllt. Ein Schocker auf Kosten von Verdi, Puccini und Strauss? Oder doch ein Innovativer, der alte Stücke neu knackt? Wie viel Realismus verträgt die Oper? ­Versuch einer Zwischenbilanz.

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Herr Herheim, in Ihren Inszenierungen thema­tisieren Sie gern die Rezeptionsgeschichte der Werke.

Wäre es da nicht konsequent, wenn auch der Regisseur Herheim selbst als letztes Glied in dieser Kette auf der Bühne auftauchen würde?
Nun, der Regisseur Herheim ist sich des etymologischen Ursprungs seines Berufes bewusst: Das lateinische «regere» bedeutet so viel wie «lenken, verwalten, gerade richten»; das heißt, meine Präsenz auf der Bühne muss sich nicht als letztes Glied in einer Kette manifestieren, sondern sollte vielmehr in der Form jedes einzelnen Gliedes des Operncolliers erkennbar sein. Jede meiner Arbeiten entwirft ein erarbeitetes Weltbild, jede spielt gewissermaßen in meinem Kopf, in dem Sinn, dass sie den Raum wiedergibt, in dem mein Team, das ganze Ensemble und ich uns in dem Werk gemeinsam behausen konnten. Und zu einem Werk gehört für mich eben auch dessen eigener Mythos.

Aber liegt in der Beschäftigung der Kunstform Oper mit sich selbst, die beispielsweise in Ihren Essener «Puritanern» oder in Ihrem Rigaer «Rheingold» hervortritt, nicht auch die Gefahr ­eines Bedeutungsverlustes?
Natürlich, solange das bloß eine ausgestellte Analyse bleibt. Sinn stiftet die Oper ja erst ...

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Opernwelt Jahrbuch 2007
Rubrik: Regisseur des Jahres, Seite 48
von Jörg Königsdorf

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