«Weniger Pedal, weniger Pathos»
Im Wettlauf um die schnellere Wahrnehmung unterliegt das träge Ohr dem flinkeren Auge. Darum ist in Opernkritiken stets mehr vom Gesehenen als vom Gehörten, mehr von der Szene als von der Musik die Rede. Selbst die besten, ausgewogensten Bücher wie jüngst Stephan Möschs wegweisende Geschichte der Bayreuther Festspiele machen davon keine Ausnahme und schlagen sich auf die Seite der Regie.
So ist es gerechtfertigt, wenn der jetzt von Mösch gemeinsam mit Christian Schaper und Thomas Seedorf herausgegebene Band das Verhältnis von Sehen und Hören umkehrt, die Szene zwar nicht gänzlich ausblendet, aber doch primär nach dem Wandel des musikalischen Wagner-Diskurses fragt. Denn dass heute anders gesungen wird als vor fünfzig Jahren, wird niemand bestreiten. 1976 war das Jahr des Bayreuther «Jahrhundert-Rings», in dem die Musik mit dem Dirigenten Pierre Boulez gleichberechtigt neben die Szene von Patrice Chéreau trat. Boulez, das zeigt Möschs Einführungsessay, machte die «Clarté des Geistes» eines strukturalistischen Musizierens theaterfähig und verwirklichte damit im mystischen Bayreuther Graben eine Revolution, die Wieland Wagner im Frühsommer 1966 noch kurz vor seinem Tod forderte: «Ziel ...
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Opernwelt November 2026
Rubrik: Medien, Seite 49
von Uwe Schweikert
Was ist eine Jahrhundert-Sängerin? Sie besitzt eine Stimme, die sich nicht mit reinem Wohlklang aufhält. Sie ist eine Darstellerin, die ihre Figuren kompromisslos lebendig macht. Ihr Name gehört in der Mediathek jedes der Oper und Operette geneigten Haushalts zum Inventar. Anny Schlemm war diese Sängerin, die Generationen prägte.
Doch von vorn: «Anny mit Ypsilon»...
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Louis Andriessen gilt als einer der bedeutendsten Komponisten der Niederlande. Das Œuvre des 2021 mit 82 Jahren verstorbenen Komponisten umfasst zahlreiche Gattungen, seine Musik spiegelt Einflüsse der mitteleuropäischen Musiktradition, orientiert sich aber auch an den amerikanischen Minimalisten und kannte keine Berührungsängste zu Jazz, Boogie-Woogie und sogar...
