Vom Leben in einer Diktatur
Sie lassen Böses erahnen, diese olivgrün gewandeten, in schusssicheren Westen steckenden Ritter, die Landgraf Hermann am Ende des ersten Aufzugs auf der Jagd erneut mit dem lange vermissten Sänger Tannhäuser zusammenführt. Mit den Mitgliedern dieses singenden Schützenvereins ist nicht zu spaßen, was im zweiten Aufzug auf der Wartburg alsbald klar zutage tritt.
In dieser holzbraunen heil’gen Halle (Bühne: Raimund Bauer) ist Elisabeths Kleid (Kostüme: Claudia Spielmann) so rot wie der Vorhang, der an diesem Versammlungsort der patriotisch gediegenen Kunstproduktion das Podest vom Publikum trennt, das artig nach Geschlechtern separiert den Gesangsdarbietungen lauscht.
Das Rot des Venusbergs (ein ziemlich queerer Puff der Gegenwart) kehrt hier sanft verschattet wieder. Der unanständige Sexus ist sublimiert in die Sphäre der Kunst. Man schwärmt von der reinen, der körperlosen Liebe. Und man begrüßt sich streng ritualisiert mit der Faust, wozu Chor und Sangesbrüder dicke schwarze Handschuhe tragen. Der Faustgruß ruft üble Assoziationen wach an den «deutschen Gruß».
In dieser autokratisch gleichgeschalteten Gesellschaft legen die Herren allesamt die Hand aufs Herz, wenn Landgraf Hermann ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt November 2026
Rubrik: Panorama, Seite 63
von Peter Krause
JUBILARE
Am 7. November feiert Dame Gwyneth Jones ihren 90. Geburtstag. Die Waliserin studierte in London, Siena und Zürich; am dortigen Stadttheater erhielt sie ihr erstes Engagement. Zunächst Mezzosopran wechselte Jones recht bald ins Sopranfach. 1964 debütierte sie als Leonore an Covent Garden in London. In derselben Rolle gab sie zwei Jahre später ihr Debüt an...
Siebte Szene in einer atemlos ablaufenden Folge von 24: Auftritt des somnambulen Cesare in Caligaris Jahrmarktsbude, nachdem der zwielichtige Scharlatan sich selbst als Frontmann einer zweifellos rechtsextremen Rockerband präsentiert hat. Zu seinem Lederzeug, behängt mit abenteuerlichen Klunkern, trägt er feudale Epauletten, wie sie einst der Gründer des Coburger...
In einer Zeit, in der es immer weniger Zeugen des Holocaust gibt, die aus erster Hand von den Gräueln der Nazi-Diktatur berichten und ihre mahnenden Stimmen erheben können, erlangt das Erinnern an die Opfer eine extrem gewachsene Bedeutung, zumal das (Allgemein-)Wissen um jene finstere Zeit in der deutschen Geschichte aus dem kollektiven Gedächtnis zu schwinden...
