Weltenwanderin

Ihre Inszenierungen sind immer eine Herausforderung. Assoziativ, bildmächtig, verrätselt. Aber eben auch fantasiefördernd. Auch deswegen zählt Marie-Eve Signeyrole zu den interessantesten Regisseurinnen unserer Zeit. Ein Gespräch über Heimat(losigkeit), politisches Musiktheater, Isabelle Huppert und die Frage, was Kunst noch kann und soll

Opernwelt - Logo

Frau Signeyrole, lieben Sie Camus?
Natürlich liebe ich ihn! Meine Mutter stammt – wie er – aus Algerien. Und sie hat ihre Abschlussarbeit in Literatur über Camus geschrieben. Auch ich kenne seine Bücher sehr gut, und schon als Jugendliche habe ich über Herkunft und Erinnerung nachgedacht, Themen, die Albert Camus ein Leben lang faszinierten – was auch ein Grund dafür ist, dass ich das Stück «Negar» gemeinsam mit Sonia Hossein-Pour geschrieben und an der Deutschen Oper Berlin inszeniert habe, worin es ebenfalls um diese beiden Topoi geht.

Sind Sie eine zerrissene Person?
Vermutlich schon. Meine ganze Kindheit ist mit Algerien verbunden: die Art zu leben, «dazwischen» zu sein, im tiefsten Innern nicht französisch zu fühlen, aber jemand zu sein, der in dieser Welt lebt, mit verschiedensten Kulturen und musikalischen Welten. Ich bin wohl am ehesten ein Citoyen du monde. «Negar» ist Teil dieser Identität und ein bisschen auch meine Geschichte. Aber warum fragen Sie nach Camus? 

Vor gut 80 Jahren sind zwei seiner wichtigsten Bücher erschienen – «L’Étranger» und «Le Mythe de Sisyphe». Im erstgenannten Werk beschreibt Camus, was mit einem Menschen passiert, der in eine ihm fremde Welt ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Januar 2023
Rubrik: Interview, Seite 48
von Jürgen Otten

Weitere Beiträge
Molto vivace

Cottbus hat eines der schönsten Theaterhäuser Deutschlands, den 1908 von Bernhard Sehring errichteten, unversehrt gebliebenen Jugendstilbau. In dem Vierspartenhaus wird inhaltlich und ästhetisch Vielschichtiges, zuweilen Bedeutsames auf die Beine gestellt. Dabei erinnert Intendant Stephan Märki sein Publikum gerne daran, «wie brüchig unser Leben ist». Solcher...

Zwischen Himmel und Hölle

Die französische Barockoper ist außerhalb Frankreichs noch immer ein seltener Gast auf den modernen Bühnen. In Deutschland macht sie sich besonders rar. Einzig Rameaus bösartige Farce von der hässlichen Sumpfnymphe Platée und ihrer geplatzten Hochzeit mit dem Göttervater Jupiter hat es zu größerer Bekanntheit gebracht. Ein ganzes Jahrhundert zwischen Lullys und...

Durchaus belebend

Francesca Zambellos Neuinszenierung von Strauss’ «Elektra» an der Washington National Opera profitiert in hohem Maße von ihrer langjährigen Zusammenarbeit mit Christine Goerke, die auch in dieser Produktion wieder einmal beweist, in welch fabelhafter stimmlicher Verfassung sie gegenwärtig ist. Nachdem sie 2008 erstmals die Chrysothemis verkörpert hatte, avancierte...