Weihrauch ist ihm fremd
Schlägt man das Kapitel zu Anna Netrebko in Jürgen Kestings Monumentalwerk «Die großen Sänger» auf, so spürt man sofort, dass den Autor die Kunst in ihrer ganzen Welthaltigkeit interessiert: als Ware, als Medienphänomen und als Gegenstand eminenter Eigenbedeutsamkeit.
Kesting zitiert dort Rudolf Gröger, den damaligen CEO des Mobilfunkunternehmens O2, mit der Einschätzung, Anna Netrebko sei «eine junge Wilde – ehrgeizig, aufgeschlossen und ohne Allüren. Sie spricht eine hochwertige Zielgruppe an».
Wir begegnen der russischen Sopranistin zunächst als einem zielgruppenoptimierten Produkt. Danach untersucht Kesting die Sprache der Rezensenten und erkennt in den «flotten Floskeln», wie er sie nennt, über die «warmstimmige Sopranistin, die aus der Kälte kam» und «Koloratur mit Köpfchen und Kampfeslust» genau jenen «Zeitgeist, der nichts mehr schätzt als Superlative unverbindlicher Allgemeinheit».
Doch dann nimmt Kesting die Sängerin als solche ernst, wie er die Reaktionen des Publikums ernst nimmt, das bei Netrebkos Auftritten und Aufnahmen das verspüre, «was in der Emotionsforschung als Chill bezeichnet wird». Kesting attestiert Netrebko «ein außergewöhnliches sängerisches Talent», ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juli 2025
Rubrik: Magazin, Seite 75
von Jan Brachmann
Bald lautet das Motto fürs Kasseler Opernhaus «Und nu ist zu!». Es wird saniert, mehrere Jahre lang. Musiktheater gibt es in der Ausweichspielstätte mit dem passend-schönen Namen «Interim». Mal abwarten, ob das Ganze keine Dauerlösung wird ...
Indes war es konsequent, mit der letzten Premiere im baufälligen Haus Julia Lwowski zu beauftragen, die sich schon oft als...
Mit Kalypso und Nausikaa beginnt die Literaturgeschichte des Strandes. Die faszinierende Grenzwelt der Elemente, wo Schönheit und Schrecken, das Endliche und Unendliche symbolträchtig aufeinanderstoßen, hat unvermeidlich auch die Oper inspiriert – stärker sogar als das Meer selbst. Ohne den Strand von Aulis wäre Glucks Iphigénie beinahe heimatlos, und wo sollte...
Am Ende gibt es keinen filigranen Pinselstrich mehr, da greift sie flugs zur breiten Borste. Mit fettem Schwarz übertüncht Senta ihr Gemälde, und parallel dazu färbt sich der heruntergelassene Gaze-Vorhang dunkel – auf dass nichts mehr zu sehen ist vom Holländer und der vierstöckigen Hochzeitstorte, vor der Matrosen und Gäste verröcheln, manche voller Blut; eine...
