Warten auf den Liebestraum

Bielefeld, Hosokawa: Hanjo

Opernwelt - Logo

Auf einem Plastiksitz im Bahnhof wartet sie und schaut in die vorbeiströmende Menge. Hanjo heißt eigentlich Hanako und war Geisha. Sie wartet auf den Mann, mit dem sie vor drei Jahren einen Fächer getauscht hat. Für die junge Frau, die tief verwurzelt ist in den traditionellen Verhaltensweisen Japans, bedeutete das die Verlobung. Nun starrt sie in die Gesichter vieler Männer und kann das eine nicht finden, nach dem sie sich sehnt. Vielleicht ist ihr die konkrete Erinnerung schon längst entglitten. Vielleicht wartet sie auch nicht mehr auf ihren Liebsten, sondern auf ihr Traumbild von ihm.


Ein modernes No-Spiel des japanischen Ästheten und Oscar-Wilde-Verehrers Yukio Mishima hat der Komponist Toshio Hosokawa für seine Oper «Hanjo» verwendet. Mishima war ein Grenzgänger zwischen der westlichen und der japanischen Kultur, mit 45 Jahren beging er Selbstmord durch Seppuku, ein lange geplanter, öffentlicher Akt. Der Regisseur Paul Schrader hat Mishima in einem Kinofilm ein Denkmal gesetzt, zu dem Philipp Glass den treibenden, energetischen ­Soundtrack im Minimal-Stil schrieb.
Der 1955 geborene Hosokawa nähert sich nun mit einem ruhigeren, melancholischeren Stil der Gedankenwelt Mishimas. ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juli 2007
Rubrik: Panorama, Seite 49
von Stefan Keim

Vergriffen
Weitere Beiträge
Verdi: Nabucco

Verliebt habe sie sich in das Magdeburger Ensemble, strahlt Vera Nemirova im Foyer. Deshalb sei sie zur dritten Vorstellung extra noch einmal für einen Grill­abend angereist. Glückliches Magdeburg.
Denn Nemirovas Chor- und Personenregie stimmt. Der Politbüro-Chic ihres Bühnenbildes (von Tom Musch) gibt dem Babylonier-Schinken den kühlen Charme einer sozialen...

Zwischen festspielreif und hausbacken

Gioacchino Rossini hat zwar kein eigenes Festspielhaus, aber international nicht weniger Kultstätten als Richard Wagner. Das hätten sich beide Komponisten nicht träumen lassen, als sie im März 1860 in Paris zusammentrafen. Die französische Metropole, die über vier Jahrzehnte seine Wahlheimat war, tut dem Italiener bis heute die meiste Ehre an, denn sie nimmt ihn...

Szenische Kontrapunktik

Ein Kamin in der Villa Wahnfried, auf dem Sims ein Bild des alten Abbé Liszt, made by Hanfstaengl. Im Fauteuil davor ein smarter Herr im Freizeithemd, entspannt, doch konzentriert seinen Gesprächspartnern lauschend, auf den ers­ten Blick eher Technokrat denn Künstler. Es ist ein Foto anlässlich des be­rühmten «Spiegel»-Interviews aus dem Jahre 1967, in dem Pierre...