Wahrhaftigkeit und Wahnsinn
Das ultimative Idyll, vielleicht ist es auch nur eine Utopie, begegnet uns schon in Nummer zwei. «Es ruht so wohl, es ruht so warm», dichtete Eduard von Bauernfeld, von Franz Schubert in «Der Vater mit dem Kind» als klangliches Andachtsbild festgehalten. Und dass diese Minuten völlig kitschfrei gesungen werden, voller Wärme, inniglich und echt, vielleicht auch aus autobiografischer Emotion heraus, das ist eines der Wunder dieses neuen Albums.
Georg Nigl, der Mann für die Sonderlinge auf den Opernbühnen, geht mit «Echo» noch einen Schritt über sein mehrfach prämiertes Album «Vanitas» hinaus. Was bleibt, ist die radikale Intimität. Ein Gesang, oft am unteren Ende der Dynamikskala, eine natürliche Verlängerung des Sprechens, etwas, das den Bariton wie neben uns platziert. Als ob er uns etwas ins Ohr haucht. Sehr beunruhigend kann das sein.
Nigl und die grandiose Pianistin Olga Pashchenko wandeln dieses Mal im Balladen-Biotop. Und das ist unendlich reich: «Echo» spreizt sich von Loewes wohlbekanntem «Odins Meeresritt» bis zu Schuberts kaum gesungener, viertelstündiger (!) «Viola» – einer Parabel auf einen Text Franz von Schobers, in der sich ein Schneeglöcklein in Winterkälte dem ...
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Opernwelt Juni 2023
Rubrik: CDs, DVDs und Bücher, Seite 31
von Markus Thiel
Die Hauptsache ist es, das Ballett zuerst aus dem Weg zu schaffen; die Oper allerdings ist so fesselnd, und ich mag die Geschichte so sehr» – so schrieb Peter Tschaikowsky an seinen Bruder Anatol. Die Oper war denn auch ein voller Erfolg, das Ballett dagegen langweilte bei der gemeinsamen Uraufführung 1892 am Petersburger Mariinski-Theater. Doch die Oper wurde...
Eines war schon vorab klar: Puccinis Tragedia giapponese soll anders erzählt, neu erklärt werden. Nur, wie kann das gehen? Die österreichische Schauspielerin und Regisseurin Angelika Zacek, eine gebürtige Wienerin, ausgebildet im Fach Regie an der Hochschule Ernst Busch in Berlin, hat am Anhaltischen Theater Dessau jetzt ihre zweite Operninszenierung abgeliefert....
Schöne, neue Welt? Mitnichten. Die Welt, die Clemens Meyer in seinem wort- und bildmächtigen Leipzig-Roman «Im Stein» beschreibt und in die er so tief eintaucht, dass man das Gefühl hat, er würde ganz und gar darin verschwinden, ist eher eine Unter-Welt, ein trostloser Ort, an dem die zwischenmenschlichen Beziehungen heruntergebrochen sind auf jenes Verhältnis, das...
