Die langweiligen Weiber von Windsor
Wir sind in einem mittelalterlichen Märchenland des Ariost. Einem sagenhaften Schottenreich. Wir sind in der Oper. Eine Prinzessin, Ginevra, entsteigt dem Baldachinbett. Ihre Zofe, Dalinda, hält ihr bei der Morgentoilette neckisch ein britisches Boulevardblatt entgegen. Auf der Titelseite prangt das Konterfei der Königstochter neben dem ihres Anbeters.
Ihm weiht Ginevra vor dem Spiegel eine lichte Kavatine, deren moderates Tempo (ein beschauliches Andante) und arglose Tonart (ein bukolisches G-Dur) wie auch das Fehlen von Koloraturen – bis auf eine einzige, bezeichnend langgeschwungene auf dem Beiwort «begehrenswert» – den Herzenswunsch der Prinzessin beglaubigen, Charme, Liebreiz und Munterkeit ihres Gesichts möchten dieses für den Geliebten più vago, sprich: ein bisschen begehrenswerter machen.
Doch unangemeldet betritt ein Herzog das Gemach. Wie wird Ginevra da zur Tigerin! In furiosem F-Dur faucht sie den Eindringling an, er sei in ihren Augen grausiger als eine hundeköpfige und fledermausgeflügelte Göttin der griechischen Mythologie. Schlüsselintervall dieser Wut-Arie ist die fallende Oktave, mit welcher das Orchester beim Davonrauschen der Keifenden denn auch tonsymbolisch ...
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Opernwelt Juni 2023
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Marc Zitzmann
Letzte Dinge haben den Menschen schon immer interessiert, im Grunde seit jenem (sonnigen?) Tage, an dem er die Erde betrat, um sie und alles, was darauf herumkreuchte und -fleuchte, sich untertan zu machen. Insbesondere Endzeitvisionen waren von jeher in Mode, die Mächte des Thanatos mindestens so virulent wie die seines Kontrahenten Eros. Von den apokalyptischen...
Durchs Hagener Theater weht ein leiser Hauch von Buenos Aires. Ein Akkordeon ist es, mit einer wehmütigen Melodie, die auch von Astor Piazzolla stammen könnte. Komponiert hat sie aber Péter Eötvös für seine Tschechow-Oper «Tri sestry», als Inbegriff jener Melancholie, die schon im zugrundeliegenden Theaterstück fast alle Personen ergreift, von Beginn an. Tschechows...
Die Götter müssen verrückt sein! Wo bin ich da nur hingeraten?» Dergleichen mag Odysseus gedacht haben angesichts der Rumpelkammer, pardon: der begehbaren Kunstinstallation, in die sich Ithaka in den zwanzig Jahren seiner Abwesenheit verwandelt hatte. Wenn er schon die Heimat nicht wiedererkennt, wie wird es dann erst Penelope mit ihm ergehen? Kann es noch eine...
