Die langweiligen Weiber von Windsor
Wir sind in einem mittelalterlichen Märchenland des Ariost. Einem sagenhaften Schottenreich. Wir sind in der Oper. Eine Prinzessin, Ginevra, entsteigt dem Baldachinbett. Ihre Zofe, Dalinda, hält ihr bei der Morgentoilette neckisch ein britisches Boulevardblatt entgegen. Auf der Titelseite prangt das Konterfei der Königstochter neben dem ihres Anbeters.
Ihm weiht Ginevra vor dem Spiegel eine lichte Kavatine, deren moderates Tempo (ein beschauliches Andante) und arglose Tonart (ein bukolisches G-Dur) wie auch das Fehlen von Koloraturen – bis auf eine einzige, bezeichnend langgeschwungene auf dem Beiwort «begehrenswert» – den Herzenswunsch der Prinzessin beglaubigen, Charme, Liebreiz und Munterkeit ihres Gesichts möchten dieses für den Geliebten più vago, sprich: ein bisschen begehrenswerter machen.
Doch unangemeldet betritt ein Herzog das Gemach. Wie wird Ginevra da zur Tigerin! In furiosem F-Dur faucht sie den Eindringling an, er sei in ihren Augen grausiger als eine hundeköpfige und fledermausgeflügelte Göttin der griechischen Mythologie. Schlüsselintervall dieser Wut-Arie ist die fallende Oktave, mit welcher das Orchester beim Davonrauschen der Keifenden denn auch tonsymbolisch ...
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Opernwelt Juni 2023
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Marc Zitzmann
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