Wagemut nach dem Fall
Es glich dem «Lied überm Staub danach», rief Ingeborg Bachmann, Österreichs Zauberin des lyrischen Wortes, einer zerbrochenen Liebe nach. Gemeint war das Schauspiel «Jedermann» ihres Landsmanns Hugo von Hofmannsthal, das, zuvor in Berlin von der Kritik verrissenen, am 22. August 1920 über den Salzburger Domplatz schallte. Ein schlichtes Gastspiel aus der Hauptstadt eines anderen soeben untergegangenen Reichs war es, das die heuer 100-jährigen Salzburger Festspiele seinerzeit eröffnete. Die tiefen Verwundungen des Ersten Weltkriegs waren noch mitnichten geheilt.
Und die Donaumonarchie, die einst stolz über halb Europa geherrscht hatte, war Vergangenheit. Sollte sich das zerbröckelte, latent schon immer fragile, weil als poröses Amalgam eines Vielvölkerstaats zusammenschweißende Wir-Gefühl der Österreicher künstlerisch kitten lassen? Ließe sich das völkisch-national-enge Erbe eines «unzerstörbaren Österreichertums» oder gar jenes des «bayrisch-österreichischen Stammes» (Hofmannsthal) galant in die kosmopolitisch weite Gedankenwelt von der Einheit in der Vielfalt transformieren, wodurch in der barock-katholischen Kleinstadt im deutsch-österreichischen Grenzgebiet nach den Verheerungen ...
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Opernwelt September/Oktober 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Peter Krause
Wir leben im Zeitalter der Beschleunigung. Höher, schneller, weiter – das ist das inhärente Credo des Kapitalismus. Entschleunigung zu denken galt bislang als gesellschaftskritische Position. Dann kam Corona. Lockdown. Stillstand. Zeit zum Nachdenken – auch über die Zukunft des Theaters. Zeit zum Nachdenken, wie Theater- und Kunstproduktion Relevanz entfalten...
Frau Bartha, haben Sie sich als angehende Sängerin für Gesangswettbewerbe interessiert?
Als ich in Italien studierte, in den frühen 1970er-Jahren, habe ich das ein paarmal ausprobiert. In zwei Fällen lief es sehr gut, in anderen schlecht. Ich habe dann schnell wieder damit aufgehört. Dieses Schaulaufen war nichts für mich.
Trotzdem: Waren diese Erfahrungen nützlich...
«Beaucoup de douceur et de sensibilité» verlangt Jean-Baptiste Lemoyne von Theseus’ unglücklichem Sohn Hippolyte bei dessen Abschied von den Jagdgefährten. Der blindwütige Vater schickt ihn ins sichere Verderben. Ein großes elegisches Chor-Tableau hält in der sich anbahnenden Katastrophe die Zeit an. Der weite Spielraum des Ausdrucks der Leidenschaften, die Balance...
