Wagemut nach dem Fall

Als vor 100 Jahren auf den Ruinen des Alten Europa die Salzburger Festspiele ins Leben gerufen wurden, waren ihre spartenübergreifende, kosmopolitische Orientierung und ihr Rang als welt­bekannte Kulturmarke noch Zukunftsmusik

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Es glich dem «Lied überm Staub danach», rief Ingeborg Bachmann, Österreichs Zauberin des lyrischen Wortes, einer zerbrochenen Liebe nach. Gemeint war das Schauspiel «Jedermann» ihres Landsmanns Hugo von Hofmannsthal, das, zuvor in Berlin von der Kritik verrissenen, am 22. August 1920 über den Salzburger Domplatz schallte. Ein schlichtes Gastspiel aus der Hauptstadt eines anderen soeben untergegangenen Reichs war es, das die heuer 100-jährigen Salzburger Festspiele seinerzeit eröffnete. Die tiefen Verwundungen des Ersten Weltkriegs waren noch mitnichten geheilt.

Und die Donaumonarchie, die einst stolz über halb Europa geherrscht hatte, war Vergangenheit. Sollte sich das zerbröckelte, latent schon immer fragile, weil als poröses Amalgam eines Vielvölkerstaats zusammenschweißende Wir-Gefühl der Österreicher künstlerisch kitten lassen? Ließe sich das völkisch-national-enge Erbe eines «unzerstörbaren Österreichertums» oder gar jenes des «bayrisch-österreichischen Stammes» (Hofmannsthal) galant in die kosmopolitisch weite Gedankenwelt von der Einheit in der Vielfalt transformieren, wodurch in der barock-katholischen Kleinstadt im deutsch-österreichischen Grenzgebiet nach den Verheerungen ...

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Opernwelt September/Oktober 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Peter Krause

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