Wachgeküsst
«Ein Verbrechen, das einem die Krone bringt, ist keines.» Fast beiläufig lässt Lottario, der Enkel Karls des Großen, im Rezitativ diese Bemerkung fallen. Ein Credo – nicht nur seines, sondern dieser ganzen schrecklichen Familie, überhaupt all jener, deren Macht- und Besitzgeilheit sie über Leichen steigen lässt. Der Erste verröchelt schon am Boden, während George Petrou sein Orchester Armonia Atenea durch die Ouvertüre treibt. Den letzten Toten gibt es zum munteren Schlussensemble, diesmal trifft es Lottario selbst. Ein neuer Clan-Chef wird an seine Stelle treten.
Und deshalb ist die historische Folie auch egal. Ob Machtkämpfe der Karolinger oder wie hier ein Sippenzwist im Kuba der 1920er-Jahre – die Kraftfelder bleiben dieselben. Vor allem aber bietet die Verpflanzung einen aparten Kontrast. Im Zuschauerraum der atemraubend wuchernde Bayreuther Barock, auf der Bühne eine karibische Hazienda vom Speisesaal über die Bibliothek bis zum Palmen-Patio. Ein wenig verranzt das Ganze, die Luftfeuchtigkeit unweit Havannas kriecht auch hier in die Wände.
Es ist eine doppelte Belebung, die Max Emanuel Cencic veranstaltet. Zum einen die des Markgräflichen Opernhauses, das die ...
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Opernwelt November 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 8
von Markus Thiel
Es liegt wohl nicht nur daran, dass eine der legendärsten Produktionen des Theatermagiers Robert Wilson vor genau 30 Jahren das Licht der Theaterwelt erblickte und deshalb gerade jetzt so häufig gespielt wird. Vielmehr kommt «Black Rider», Wilsons Adaption des «Gespensterbuchs» von Adolf Apel auf ein Libretto von William S. Burroughs mit der Musik von Tom Waits den...
Zazà auf der Suche nach dem Glück. Als ob sie eine Betonwand mit Sonnenlicht bemalen wollte. Sie ist étoile eines Tingeltangels in Saint-Etienne, Männer umschwirr’n sie wie Motten das Licht. Doch sie fordert aufgrund ihrer unglücklichen Kindheit ein Recht auf echte Liebe ein – die, so ihr Irrglaube, hat sie bei Milio Dufresne gefunden. Aber der bourgeoise...
JUBILARE
Stein Winge absolvierte seine Ausbildung an der Academy of Dramatic Art in Oslo. Der Norweger, bereits als Produzent, Schauspiel- und Fernsehregisseur erfolgreich, wandte sich in den 1990er-Jahren verstärkt dem Musiktheater zu. Der internationale Durchbruch gelang ihm 1993 mit seiner Lesart von Mussorgskys «Boris Godunow» am Grand Théâtre de Genève....
