Wachgeküsst
«Ein Verbrechen, das einem die Krone bringt, ist keines.» Fast beiläufig lässt Lottario, der Enkel Karls des Großen, im Rezitativ diese Bemerkung fallen. Ein Credo – nicht nur seines, sondern dieser ganzen schrecklichen Familie, überhaupt all jener, deren Macht- und Besitzgeilheit sie über Leichen steigen lässt. Der Erste verröchelt schon am Boden, während George Petrou sein Orchester Armonia Atenea durch die Ouvertüre treibt. Den letzten Toten gibt es zum munteren Schlussensemble, diesmal trifft es Lottario selbst. Ein neuer Clan-Chef wird an seine Stelle treten.
Und deshalb ist die historische Folie auch egal. Ob Machtkämpfe der Karolinger oder wie hier ein Sippenzwist im Kuba der 1920er-Jahre – die Kraftfelder bleiben dieselben. Vor allem aber bietet die Verpflanzung einen aparten Kontrast. Im Zuschauerraum der atemraubend wuchernde Bayreuther Barock, auf der Bühne eine karibische Hazienda vom Speisesaal über die Bibliothek bis zum Palmen-Patio. Ein wenig verranzt das Ganze, die Luftfeuchtigkeit unweit Havannas kriecht auch hier in die Wände.
Es ist eine doppelte Belebung, die Max Emanuel Cencic veranstaltet. Zum einen die des Markgräflichen Opernhauses, das die ...
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Opernwelt November 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 8
von Markus Thiel
Ein Triumph! Das passende Stück zur virengeschüttelten Gegenwart. Goldoni blitzgescheit aktualisiert, dazu eine tolle Regie und brillante Musik – die Komponistin eine Entdeckung! Nur zu gerne würde man diese Sätze aufschreiben und den Bregenzer Festspielen, die sich heuer mit arg reduziertem Programm «Bregenzer Festtage» nennen, einen Coup testieren. Doch...
Man sieht es, das Drama. Und muss sogleich an Heinrich Heine denken, an die zweite und dritte Strophe seines tieftraurigen «Traum»-Gedichts, darin die Seele des Dichters so unverkennbar leidet an der Welt. «Ich habe im Traum geweinet, / Mir träumt’, du verließest mich. / Ich wachte auf, und ich weinte, / Noch lange bitterlich. – Ich hab’ im Traum geweinet, / Mir...
Die Aufklärung frisst ihre Kinder. Und Beethoven gibt dazu die Begleitmusik. Ein bedrückender, ja, unerträglicher Befund. Aber eben bittere Realität. Für Millionen, die in der Hoffnung auf ein würdiges (Über-)Leben vor Hunger, Gewalt, Verfolgung und Willkür aus ihrer Heimat vertrieben werden. Und unterwegs erfahren müssen, dass Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit...
