Offene Wunden
Die Aufklärung frisst ihre Kinder. Und Beethoven gibt dazu die Begleitmusik. Ein bedrückender, ja, unerträglicher Befund. Aber eben bittere Realität. Für Millionen, die in der Hoffnung auf ein würdiges (Über-)Leben vor Hunger, Gewalt, Verfolgung und Willkür aus ihrer Heimat vertrieben werden. Und unterwegs erfahren müssen, dass Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit schnell zu quantités négligeables werden, wenn die Hierarchien, auf denen sie gründen, nicht mehr greifen.
Der universelle Anspruch der amerikanischen und französischen Revolutionäre, jedem Menschen das Recht zuzugestehen, selbstbestimmt nach Glück und Wohlstand zu streben, ist bis heute unerfüllt. Auch weil das kolonialistisch überformte Gefälle zwischen Nord und Süd, zumal zwischen Europa und Afrika, die alten Machtverhältnisse im globalen Kräftespiel perpetuiert. So treiben die Flüchtlingsdramen unserer Tage nicht zuletzt die Brüchigkeit eines moralischen Idealismus hervor, der für alle ausgerufen ward, im Ernstfall sich aber doch als exklusives Privileg entpuppt.
Es ist nicht das geringste Verdienst der dokumentarischen Musik-Tanz-Theater-Performance «Baby Doll», mit klug abgemischten künstlerischen Mitteln auf diese ...
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Opernwelt November 2020
Rubrik: Panorama, Seite 30
von Albrecht Thiemann
«Gleich von unbegrenztem Sehnen/ Wie entfernt von träger Ruh’/ Müsse sich mein Leben dehnen/ Wie ein Strom dem Meere zu ...» Wir wissen nicht, ob Aleksandra Kurzak dieses Gedicht von Friedrich Rückert gelesen hat; gleichwohl könnte es sehr gut als Motto über ihrem neuen Album stehen. Der Titel «Desire», den sie dem Recital gab, mag derlei Assoziationen erlauben,...
Im Anfang ist nicht das Wort. Sondern festliche Musik, wiewohl ironisch verfremdet. Das Orchester spielt die Introduktion zum dritten Akt von Händels «Salomo», aus der Tiefe des Raums kommt Valery Tscheplanova, auf High Heels, im hautengem Kostüm, in Händen die sternenbekränzte USA-Flagge. Einzug der Königin von Saba? Ja und Nein. Ja, weil erotische Energien...
Reduktion heißt die künstlerische Sparmaßnahme der Stunde, mit der die Opernhäuser den Corona-Vorschriften genügen. Dass weniger auch mehr sein kann, zeigte die Premiere von Mozarts «Entführung aus dem Serail» zur Saisoneröffnung am Dortmunder Opernhaus. Gewiss, die Partitur musste Federn lassen. Einige Nummern entfielen, die verbliebenen waren gekürzt, die...
