Vornehmes Pathos

«San Giovanni Battista»: Damien Guillon nimmt sich mit handverlesenen Barockspezialisten Alessandro Stradellas oratorische Fassung des Salome-Jochanaan-Stoffs vor

Zu Beginn zeichnen die Streicher ein unschuldiges Bibelidyll. Alessandro Stradella legt in der einleitenden Sinfonia seiner frühbarocken Vertonung des «Salome»-Stoffes gleichsam eine falsche Fährte. Schließlich steht bei ihm zunächst ja nicht – wie gut zwei Jahrhunderte später bei Richard Strauss – die im Markus-Evangelium namenlose Tochter der Herodias und deren sexuelles Erwachen im Fokus seiner kompositorischen Anteilnahme. Er spürt vielmehr der glaubensgewissen Himmelshoffnung des titelgebenden Gottesmanns nach.

Den Täufer Christi hatte zur Uraufführung anno 1675 in der römischen Kirche San Giovanni dei Fiorentini der berühmte Kastrat Giovanni Francesco Grossi verkörpert. Der Siface genannte Star war bevorzugter Interpret der Opern von Cavalli und später auch jener von Scarlatti. Ein die sensationslüsternen Ohren seines Publikums kitzelndes Feuerwerk vokaler Kunstfertigkeiten durfte der Sänger darin freilich nicht entzünden. Denn Stradella betonte ganz das vornehme Pathos eines der Welt abhanden Gekommenen, der sein Schicksal vollends annimmt. Paul-Antoine Benos-Djian leiht dem Johannes in dieser feinsinnigen Einspielung seinen beseelten, reinen, nobel fließenden Countertenor.

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Opernwelt September/Oktober 2020
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 22
von Peter Krause

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