Vorliebe für Außenseiter
Jeder große Künstler würde gern der letzte Mohikaner sein – oder der erste Mensch. Wir leben ja immer noch im Zeitalter des Originalgenies – auch, wenn dieser altehrwürdige Sturm und Drang-Begriff aus der Mode kam und längst durch neue, mit dem Zeitgeist von Copy & Paste kompatiblere Worte ersetzt worden ist, wie «Freak» oder «Ikone». Aribert Reimann ist weder das eine noch das andere. Er ist aber auch kein Geschichtspessimist, trotz seiner Vorliebe für die Nachtseiten des Lebens, die Ausgestoßenen, das Apokalyptische.
Was nicht nur Stoffauswahl und Quintessenzen seiner Werke geprägt hat, sondern sich, auf immer wieder andere Weise, unmittelbar in den Details seiner Musiksprache niederschlägt, in Form und Faktur, Klangbild und Instrumentalfarben. Tanz und Gelächter, Glück und Küsse kommen in Reimanns musikalischem Kosmos so gut wie nie vor. Stattdessen: Lamentogesten, geteilte Bratschen, dominierende Bässe, Schlagzeuggewitter und ein allzeit weit ausgreifendes Melisma, als Espressivo-Apotheose der leidenden, kämpfenden, sich entäußernden Menschenstimmen.
Eine schwarze Spur der Melancholie zieht sich unüberhörbar durch sein Œuvre, quer durch die frühen, ernsten Liedkompositionen ...
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Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs war die alte Ordnung Europas passé. Es folgten Jahre der sozialen und politischen Polarisierung. Auch über die Zukunft der Künste wurde erbittert gestritten. Nicht nur in der Oper hatte der Um- und Aufbruch natürlich schon vorher begonnen. Gibt manches Werk, damals uraufgeführt und heute wieder in den Blick genommen, Aufschluss...
59. Jahrgang, Jahrbuch 2018
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Das Vorbild Stuttgart leuchtete hindurch: Was am dortigen Opernhaus zur Jahrtausendwende für erhebliches Aufsehen gesorgt hatte, funktionierte nun auch am Badischen Staatstheater Karlsruhe: Vier Regieteams schmiedeten Richard Wagners «Ring», und viermal glänzte dieser auf ganz unterschiedliche Weise. Am schillerndsten geriet der letzte Teil der Tetralogie, die «Gö...
