Von Himmelsbläue wundersam umwoben
Sie waren Freunde. Viele Jahre lang. Sucht man jedoch in der Brahms-Biographik nach dem Namen von Eusebius Mandyczewski, wird man nur an sehr wenigen Stellen fündig.
Auch die Werke des rumänischen Komponisten und Musikwissenschaftlers, der 1857 in einem Dorf unweit von Czernowitz als Sohn eines orthodoxen Priester geboren wurde und Ende der 1870er-Jahre aus der Bukowina nach Wien übersiedelte, um bei dem Mendelssohn-Schüler Gustav Nottebohm seine Kenntnisse zu vertiefen (und nebenbei die griechisch-orientalische Kirchenmusik zu reformieren), sind in völlige Vergessenheit geraten – die auf West- und Mitteleuropa zentrierte Musikgeschichtsschreibung hat auch im «Fall» Mandyczewski wieder «ganze Arbeit» geleistet.
Dass damit ein Unrecht geschah, beweist das Album «Melancolie» (ohne «h») von Konstantin Krimmel und Ammiel Bu -shakevitz, das Lieder Mandyczewskis, die den titelgebenden Topos aufgreifen, aus -gewählten Stücken mit dem gleichen Zungenschlag von Johannes Brahms gegenüberstellt. Reizvoll ist diese Verbindung allein deswegen, weil man die idiomatischen Parallelen und auch die Unterschiede im Umgang mit der vorgefundenen Form sehr gut nachverfolgen kann. Stilistisch-harmonisch wirken die Brahms-Lieder reifer, gerundeter, auch um einiges tiefsinniger (was nicht zuletzt an der hohen dichterischen Qualität der Textvorlagen liegt); in Sachen melodische Faktur aber gibt es etliche Übereinstimmungen zwischen beiden Komponisten: Kunstlied und Volkslied gehen da wie dort eine glückliche Liaison miteinander ein.
Selbiges darf man vom Gespann Konstantin Krimmel und Ammiel Bushakevitz sagen. Ihr ohnehin homogenes Zusammenwirken ist noch eine Spur inniger, nuancierter, ein Jota feinnerviger, reicher an Schattierungen geworden, die interpretatorischen Intentionen sind in jedem Takt, bei jedem Wort, in jeder kantablen Eingebung identisch. Es dominiert, dem schwermütigen Wesen des Albums gemäß, ein sanfter, zart blühender, zuweilen introspektiver, ja, fast «philosophischer» Ton, der sich vor allem bei den ausgesuchten Heine-Liedern zu einer Expressivität von höchsten Gnaden verdichtet. So in der «Meerfahrt», wo des Dichters Alter Ego mit seiner Liebsten «traulich im leichten Kahn» sitzt und in der Ferne eine Geisterinsel sichtbar wird; so aber auch in der «Mainacht» auf Verse Ludwig Christoph Heinrich Höltys, wo Brahms den kühnen harmonischen (und an der Weggabelung) enharmonisch verwechselten Schritt von Es-Dur zu H-Dur wagt, doch nicht aus einer Laune heraus, sondern weil die Verse danach verlangen: Wo zunächst noch der «silberne Mond durch die Geräusche blinkt», «die Nachtigall flötet» und der einsame Nachtwanderer «traurig» gestimmt ist, girrt ihm nun ein «Taubenpaar sein Entzücken» vor und rinnt eine «einsame Träne» die Wangen hinunter.
Krimmel und Bushakevitz zeichnen diese atmosphärischen Veränderungen mit seismographischer Präzision sowie streng nach Vorschrift («Largo ed espressivo») nach, ohne je den Fluss der Gedanken und Gefühle agogisch auszuhebeln. Alles geschieht mit nachgerade traumwandlerischer Sicherheit und Selbstverständlichkeit – selbst dort, wo der Dichter Heine sie an den Rand des Lebens führt, wie im As-Dur-Lied «Der Tod, das ist die kühle Nacht», wo die Welt stillzustehen scheint und die Musik beinahe erstarrt vor der Erkenntnis des Endes, und wo dann erneut eine Nachtigall mit ihrem Gesang über die Liebe die bleiernen, schwermütigen Gedanken vertreibt und Licht in die dunkle Stube sendet.
In Mandyczewskis Liedern sehen wir es häufiger, dieses Licht, vor allem dort, wo der Dichter Vasile Alecsandri dem Komponisten erst ein «holdes» und dann ein «schönes» Mädchen vors innere Auge stellt und sich die reizvoll-anmutigen, schlicht-schönen Melodien wie Arabesken über der Szene ausbreiten – erst ganz unbeschwert, dann, im zweiten Stück, in melancholisch verhangener Gestalt. Von dort führt der Weg direkt in das magische Dunkel der «Nacht», ebenfalls auf Verse Alecsandris, wo das «bangende Schweigen» vom Glanz der Sterne durchbrochen wird und wo sich schließlich, in der letzten Strophe, Hoffnung ausbreitet: «Ah! nici e razā / Nu lumineazā» – Freundlicher Schimmer / Leuchtet nun immer!» Wie Konstantin Krimmel und Ammiel Bushakevitz diesen buchstäblich erhellenden Moment gestalten, ist schlicht betörend. Wie das ganze Album.
MELANCOLIE
Konstantin Krimmel (Bariton), Ammiel Bushakevitz (Klavier)
Alpha Classics1258 (CD); AD: 2025
VERLOSUNG Am 12. November um 10 Uhr verschenken wir 5 Exemplare dieser CD an die ersten Anrufer: 030/25 44 95 55
Opernwelt November 2026
Rubrik: Medien, Seite 43
von Jürgen Otten
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