Die Hölle sind wir selbst
Ob’s nur am abscheulichen Pariser Wetter lag? An den Schneeflocken, die klobig-klebrig aus dem Himmel herabrieselten an diesem Nikolaustag 1846? Wohl eher nicht. Das Werk selbst fand keine Freunde bei seiner Uraufführung, seiner wenig operntauglichen Gestalt wegen und der darin waltenden Dialektik aus künstlerischem Durchbruch und zu Eis erstarrter Isolation, die Thomas Mann 100 Jahre später auch seinem Künstlerroman «Doktor Faustus» einritzen sollte. Man verstand diese Ambiguität nicht an der Opéra-Comique, was wiederum der Schöpfer des ingeniösen Werks nicht verstehen mochte.
Wie «der unbekannteste Schüler des Konservatoriums» fühle er sich, so Héctor Berlioz, vollends «ruiniert». Und, ja, es ist kein leichtes Opus, diese zwitterhafte «Légende dramatique», die Goethe’schen Geist birgt, wiewohl der Komponist einiges hinzuerfand und insbesondere mit einer Änderung aufwartete: Méphistophélès und Faust schließen ihren Pakt erst in dem Moment, als klar wird, dass Marguerite hienieden verloren ist. Aber dazu später.
An der Oper Graz beginnt «La Damnation» mit einem (Ur-) Knall. Der Titelheld hat sich bei einem chemischen Experiment verspekuliert. Ohnehin gelingt diesem Mann wenig, der da vor seinem hölzernen Mutter-Courage-Marketender-Karren herumwerkelt, mit dem er vermutlich seit Langem durch die wirre, ihm fremde Welt irrt. Wie stets bei Lorenzo Fioroni spielt das Theater auf dem Theater, als Grand Guignol (dem man aber nie trauen darf, weil es in jeder Sekunde schalkhaft-hintergründig ist), eine zentrale Rolle. Der Ort zwischen Himmel und Hölle, den Sebastian Hannak auf die Bühne, sogar über den Orchestergraben hinweg gebaut hat, ist hier ein Platz irgendwo im alten Europa. Eine Mischung aus bürgerlichem Quartier (mit einer Bar, in der niemand sitzt, und anderen Amüsier-Angeboten), Kunststätte und Kopfsteinpflaster-Agora, jedenfalls ein Schauplatz, auf dem alles und nichts geschieht. Und immer gleichzeitig. Totales Theater, subversiv-blasphemisch, böse – und faszinierend, weil es die Grausamkeit der Welt zeigt, ohne sie moralisch zu kommentieren. Was Realität oder Fiktion, was Wirklichkeit oder Traum, das wird in diesem spektakulären, sich ständig verändernden locus absurdus nur selten klar.
Und mögen die Kostüme von Katharina Gault hier und da Bezug zum Stück nehmen, so zielen sie zugleich über das Rational-Illustrative weit hinaus ins Phantasmagorische. Die Leipziger Studentenschar rennt weiß gewandet, mit pinkfarbenen Schals, Biergläsern in den Händen und Gesichtsmasken über die Bühne und auch durchs Parkett wie ein verrückt gewordener Haufen von (Brechtisch) hohlen Spitzköpfen, und wenn die Männer des wunderbar spielfreudigen Grazer Chors die kontrapunktisch-anarchistische «Amen«-Fuge in den Saal hämmern, klingt das so, als würde eine Horde besoffener Schützenfestler die polyphone Kunst des Franzosen Berlioz mit Schmutz bewerfen. Auch für Méphistophélès erweist sich dieser Mob als fatal: jeder neue Fugen-Einsatz ein Tritt in den Unterleib: «Amen!» – Fioronis Kommentar zum wiederentflammten Faschismus in (ost-)deutschen Landen, wie ebenfalls der vom (im hinteren Teil der Bühne postierten) Orchester der Oper Graz und dem Dirigenten Johannes Braun knackig musizierte «Rá-kóczi-Marsch».
Faust jedenfalls, den Pavel Petrov mit glühend-verzweifelter Leidenschaft singt und spielt, ist hier ein Fremder, ziellos Suchender und damit ein leichtes Opfer für Méphistophélès. Bei Nikita Ivasechko erscheint er weder als Nihilist noch als Dämon, sondern eher als alternder Rockstar auf der Suche nach einem Publikum, das ihn adoriert. Sein Vehikel ist eine Kutsche, mit der man wohl romantische Post verteilen könnte, aber keine teuflisch-verderbten Sachen. Dass Faust ihm dennoch folgt, dürfte allein der Tatsache zuzuschreiben sein, dass der Puppenspieler mit einem labilen Charakter ausgestattet ist. Und damit eigentlich eine Nummer zu klein für eine Frau wie Marguerite.
Eine rätselhafte Figur. Zunächst gibt Anna Brull, in Alltagskleidung, die tröstende Passantin. Aber im «Teatro Imperial», das sich bald in ein verruchtes Etablissement verwandelt, mimt sie die Chanteuse «Marguerite Oppenheim». Vor ihrem Auftritt mit dem «Thule»-Lied sehen wir sie in der Garderobe, am Schminktisch, ganz die Diva, die sich gleich dem Publikum präsentieren wird. In der bürgerlichen Stube allerdings erscheint sie dann als Gretchen an der Sticknadel, wie ein biedermeierliches Burgfräulein, welches des Liebsten harrt. Dass es zwischen ihr und Faust nicht zu handgreiflicher Erotik kommt, darf niemanden verwundern – sie sind beide befangen. Liebeszauber? Weit gefehlt.
Dazu passt natürlich, dass auch am Elbufer keine Magie wohnt. Mag noch in Méphistophélès’ salbungsvoller Arie «Voici des roses» ein Hauch von Schwärmerei enthalten sein, mutiert Regisseur Fioroni mit Hilfe seines Choreographen Louis Stiens spätestens beim Chor der Gnomen und Sylphen sowie beim anschließenden Sommernachtstraum-Ballett zu jenem sarkastischen Geist, der stets verneint und doch das Richtige tut. Von mythischen Naturgeistern keine Spur, die Damen und Herren tanzen, von einer gewissen «Sandrine» (Helen Clare Kinney) angeleitet, in weißen Tutus den Tanten-Onkel-Tanz. Das Heilige mutiert zum Profanen. Und zu Recht: Der bitonal gefügte Studenten- und Soldatenchor zeigt uns die Welt, wie sie immer war – als Ort des Schreckens, wo sich lauter Narren die Nasen aneinanderreiben.
Wer glaubt, es ginge nicht noch eine Stufe höher, irrt gewaltig. Mit Marguerites, von Anna Brull zauberhaft intonierter F-Dur-Romanze und Fausts sentimentaler cis-Moll-Invokation im 9/8-Takt wird es kurz kitschig. Aber das ist nur der Vorschein eines Idylls, das es nie geben durfte, nie geben wird. Also folgt, einen Halbton nach unten geschubst, der rauschhafte Ritt in den Abgrund.
Méphistophélès, der zynische Repräsentant einer negativen Postpostmoderne, greift zur Peitsche und treibt die beiden (unsichtbaren) schwarzen Gäule und den gesamten, in Fräcke gekleideten, mit Instrumenten bewehrten Chor im tumultuarischen Galopp erst über die Bühne, dann sogar einige von ihnen als Zombies ins Parkett. Dantes Inferno ist nicht mehr weit, der Fürst der Finsternis sendet seine Strahlen – doch dann geschieht das Wunder: die Apotheose der Marguerite, im heiligen, enharmonisch verwechselten Des-Dur. Und erneut schlägt die Stunde einer glänzenden Regie: Als die himmlischen Geister die Verdammte aufrufen, in ihre Mitte zu treten, schlendert Anna Brull erneut als Diva Marguerite heran: blondgelockt, im brüllend-geschmacklosen Morgenmantel und Glitzer-Body. Eine arme Sünderin sieht anders aus. Das Ewig-Weibliche gleichfalls. Die Botschaft ist klar: Mag das Leben weitergehen – Gott ist tot. Und der Teufel auch.
Berlioz: La Damnation de Faust GRAZ | OPER
Premiere: 26. September 2026
Musikalische Leitung: Johannes Braun
Inszenierung: Lorenzo Fioroni
Bühne: Sebastian Hannak
Kostüme: Katharina Gault
Licht: Sebastian Alphons
Video: Christian Weißenberger
Chor: Johannes Köhler
Choreographie: Louis Stiens
Solisten: Pavel Petrov (Faust), Nikita Ivasechko (Méphistophélès), Anna Brull (Marguerite), Fangyong Liang (Brander), Richard Jähnig (Oriel), Helen Clare Kinney (Sandrine, Tänzerin), Joshua Tapley (Fausts Double/Regisseur) u. a. www.oper-graz.buehnen-graz.com
Opernwelt November 2026
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Jürgen Otten
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