Von gestern auf heute

So viel Rekurs auf die Aufführungsgeschichte war nie: Die Opéra de Lyon lud zu einem «Festival Mémoires», das Regiearbeiten von Ruth Berghaus («Elektra», 1986), Heiner Müller («Tristan und Isolde», 1993) und Klaus Michael Grüber («L’incoronazione di Poppea», 1999) neu auflegte. Salzburg baute eine «Walküre»-Bühne nach, die für die erste Saison der Osterfestspiele vor fünfzig Jahren entworfen wurde. Das Mannheimer Nationaltheater feierte seinen seit 1957 gespielten «Parsifal» mit einer Festvorstellung. Doch was bringen solche Wiederbelebungsversuche eigentlich? Fünf Schlaglichter

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Lyon: «Elektra»

Wieder hat er ganze Arbeit geleistet: In mehr als 60 Details weicht Hartmut Haenchens «Elektra»-Material von den gängigen Druckfassungen ab. Änderungen und Ergänzungen, die, so die feste Überzeugung des Dresdner Dirigenten, den letzten Willen von Richard Strauss spiegeln. Aufgespürt vor allem in der Uraufführungspartitur von 1908/09. Für sich genommen, wirken die meisten «Korrekturen» marginal – ein ritardando-Zeichen hier, ein sforzato-Kürzel dort, neue Akzente, Fermaten, Atemzeichen.

In der Summe aber schärfen sie die Kontraste, die Konturen der Architektur – die Statik eines an die Grenzen des Tonalen rührenden Werks, das (fast) nur aus klingender Energie zu bestehen scheint. So weit sollte Strauss sich nie mehr in die Sphäre einer explosiven, schäumend dissonanten Expressivität vorwagen. «Elektra» ist, radikaler noch als «Salome», extremistische Musik. Genau so war das Stück gedacht, als 100-Minuten-Rausch, für Riesenstimmen und Riesenorchester (115 Musiker!). Und genau so hat Hartmut Haenchen es beim «Festival Mémoires» an der Opéra de Lyon freigesetzt. In kaum je gehörter Präzision, Transparenz und Balance.

Denn sobald dieser Forschergeist den Taktstock ...

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Opernwelt Mai 2017
Rubrik: Im Focus, Seite 8
von Albrecht Thiemann, Eleonore Büning, Stephan Mösch, Götz Thieme

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