Von allem zu viel
Irgendwo in der amerikanischen Spießbürgerhölle: Claire, Lehrerin, Ehefrau, Mutter und mitten in der Midlife-Crisis, hört immer öfter ein quälendes, tiefes Summen: «The Hum», ein reales Phänomen, Anlass für zahllose (Verschwörungs-)Theorien – nun Ausgangspunkt für die Uraufführung von «The Listeners», die das Osloer Opernhaus zusammen mit den Kompanien in Chicago und Philadelphia in Auftrag gegeben hat.
Die weitere Geschichte ist schnell erzählt: Im Internet-Zeitalter finden die «Hum»-Leidenden schnell zusammen, die Community stellt sich als Sekte heraus («The Listeners»), und das Geschehen ufert in alle Richtungen aus. Die New Yorker Komponistin Missy Mazzoli und ihr Librettist Royce Vavrek wollten ein vieldeutiges Gewebe schaffen – das Ergebnis erinnert dann aber doch eher an die Werbung einer amerikanischen Eismarke, deren Geheimrezept darin besteht, «von allem zu viel» zu bieten. Eigentlich wäre allein Claires Leiden mit allen psychischen wie gesellschaftlichen Konsequenzen ein interessantes Thema. Obendrauf gepackt wird nun aber die Gruppenpsychologie der Sekte, Machtmissbrauch auf mehreren Ebenen, die klassische Heldinnen-Geschichte (hier politisch korrekt in der Version ...
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Opernwelt 11 2022
Rubrik: Panorama, Seite 53
von Stephan Knies
Es ist wohl ein anderer Krieg, den Russland da führt, nicht dieser jetzt. Die Nachrichten von der fernen Front kommen aus dem Transistor, man muss sie durch das Rauschen dechiffrieren, auch die martialischen Ansagen dressierter Kindersoldaten an die Feinde des Vaterlands. Das von Pola Kardum in das Alltagsbunt der vielleicht 1970er-Jahre gekleidete Frauenvolk hält...
Die Welt nach Erath ist eine Scheibe, und ungefähr neun Zehntel davon gehören dem Orchester. Die Szene – immerhin ist die Geschichte des Untergangs von Troja und danach die von Liebe und Verrat in Karthago zu erzählen – findet fast ausschließlich auf dem schmalen Randstreifen statt. Daneben ist auf der einen Seite gerade noch Platz für jene sechs Harfen, die...
Über Carl Dahlhaus, den führenden Musikwissenschaftler seiner Zeit, schrieb sein Freund und Studienkollege Joachim Kaiser 1989 einen bewegt-bewegenden Nachruf. Dahlhaus, heißt es da, habe «mit dem Leben gezahlt dafür, eine intellektuelle Existenz führen zu wollen – um jeden Preis». Das klingt pathetisch nur für diejenigen, die Dahlhaus nicht kannten und sein Werk...
